Noch läuft es rund am deutschen Arbeitsmarkt . Nicht bloß verglichen mit Frankreich , Großbritannien oder den USA , auch in Relation zur eigenen Vergangenheit steht Deutschland blendend da. Nachdem die Arbeitslosigkeit jahrelang gestiegen war, gilt heute: Weniger Arbeitslose (unter drei Millionen) und mehr Erwerbstätige (über 41 Millionen) gab es seit der Wiedervereinigung nicht.

Alles prima also, und wir genießen unser Jobwunder? Dem stehen zwei Probleme entgegen. Das eine ist die Euro-Krise , die der Konjunktur zu schaffen macht. Längst hat der Boom am Arbeitsmarkt den großen Schwung verloren. Falls die Verunsicherung weiter anhält oder die Krise eskaliert, ist schnell Schluss mit Erfolgsmeldungen aus Nürnberg. Deutschland ist stark, aber nicht immun.

Und auch das Wunder selbst hat Schattenseiten, darunter die Spaltung am Arbeitsmarkt. Längst nicht alle Arbeitnehmer profitieren gleichermaßen von den guten Zeiten. Noch immer gibt es Menschen, die zu extrem niedrigen Stundenlöhnen von fünf Euro und weniger arbeiten, noch immer bestehen Firmen auf Zeitarbeit oder anderen prekären Jobs, obwohl sie sich Festangestellte leisten könnten. Vor allem dort, wo Arbeitnehmer schnell angelernt und leicht ersetzbar sind, spüren sie wenig von besseren Zeiten.

Daraus ergibt sich ein Balanceakt. Deutschland muss sich einerseits wappnen für eine Zeit, in der Jobs nicht mehr wie von selbst entstehen. Und es muss andererseits dafür sorgen, dass sich die Qualität neu geschaffener Arbeitsplätze verbessert. Es geht also um mehr und bessere Jobs.

Ob und wie schnell die Euro-Krise bewältigt wird, weiß niemand. Erst mal muss man sie einkalkulieren. Umso mehr muss die Politik wieder fragen, wie sie die Entstehung neuer Stellen fördert. Es wäre deshalb viel gewonnen, wenn die Regierungskoalition mit gleicher Verve über die Förderung von Existenzgründern oder den Wegfall unnötiger Regeln für die Industrie streiten würde, wie sie um das Betreuungsgeld oder die Frauenquote ringt. Leider handelte sie zuletzt kontraproduktiv: Hilfen für Arbeitslose, die sich selbstständig machen wollen, wurden sang- und klanglos gekürzt.

Gleichzeitig ist es nötig, gegen Verwerfungen auf dem Arbeitsmarkt vorzugehen – ohne gleich wieder jede Dynamik zu ersticken. Die Leiharbeiter sind ein gutes Beispiel: In der Metall- und in der Chemieindustrie haben die Tarifparteien Gehaltszuschläge für sie ausgehandelt, damit sie nicht als Lohndrücker missbraucht werden. Sanfter Druck der Regierung trug zu diesem Erfolg bei. Jetzt müssen sich die neuen Regeln auch in anderen Branchen bewähren, sonst wird nachgesteuert. Das ist eine Politik der kleinen Schritte. Man kann sie als unzureichend kritisieren, aber sie ist besser als Stillstand und besser als ein Riesensprung. Sonst geht der Balanceakt daneben.