Wenn das Duell beendet ist, bekommen beide, Sieger und Verlierer, eine rote Nelke, das zähe Ringen ist mit einem Hammerschlag entschieden, über das Gesicht des Auktionators huscht ein kleines Lächeln, er hat die Kontrahenten durch das Gefecht geleitet, kaum merklich zur Höchstleistung angetrieben, wenn deren Kampfgeist zu erlahmen drohte. Er wendet sich unaufgeregt, die fulminante Geste ist seine Sache nicht, dem nächsten Los zu. Der große Gartensaal des Berner Auktionshauses Kornfeld ist bis auf den letzten Platz gefüllt, Sammler- und Händlerprominenz ist angereist. Das alljährliche Traditionsereignis im Juni gilt gleichsam als Höhepunkt und Abschluss der Auktionssaison, an dem man nur zu gern persönlich anwesend ist, um spätestens in der Teepause im Garten elegantes Networking zu betreiben. Sommersonne (es regnet eigentlich nie während einer Kornfeld-Auktion), Schweizer Sonderregelungen und die gleichzeitig stattfindende Kunstmesse Art Basel tun ihr Übriges. Seit über sechzig Jahren sitzt Eberhard W. Kornfeld am Pult, versteigert kenntnisreich akquirierte, sorgfältig geprüfte und mit großer Expertise beschriebene Gemälde des 20. Jahrhunderts, Altmeistergrafik und – hier ist das Haus besonders ambitioniert – expressionistische Druckgrafik. Kornfeld ist als Kunsthändler tätig, hat Werkverzeichnisse der Druckgrafik von Max Beckmann, von Käthe Kollwitz und Paul Klee verlegt, hat die wechselvolle Geschichte des Kunstmarkts – ein Amalgam aus Euphorie, Intrige, Kunstsinnigkeit und kommerziellen Interessen (die Aufzählung ist durchaus nicht vollständig) – erlebt, bewegt, durchaus auch erlitten. Und ist dabei zur Instanz geworden.

Am zweiten Tag der Auktion vom 14./15. Juni versteigert Kornfeld zunächst Altmeistergrafik, ein gar nicht umfangreiches, allerdings hochkarätiges Angebot mit einer überaus gut bestückten Rembrandt-Passage, darunter eine "der seltensten Landschaften aus dem gesamten grafischen Œuvre", eine zarte Kaltnadelradierung, die nur in wenigen Abzügen bekannt geworden ist. Die Platte ging früh verloren, demnach gibt es nach der Entstehungszeit um 1652 keine Spätdrucke, das kleine (8,1 mal 21,2 Zentimeter) Sammlerblatt ersten Rangs, gratig im Druck, einwandfrei in der Erhaltung, ist mit 60.000 Franken konservativ taxiert.

Für einen Frühdruck des berühmten Hundertguldenblatts (schon zu Lebzeiten Rembrandts soll es für hundert Gulden gehandelt worden sein) Christus heilt die Kranken (27,9 mal 39,6 Zentimeter) aus der Zeit um 1649 liegt der Schätzpreis bei 225.000 Franken. Bevor die Nachmittagsversteigerung von 140 herausragenden Werken der Kunst des 20. Jahrhunderts beginnt, ruft Kornfeld expressionistische Grafik auf, die zum Bestand der Sammlung H. Neuerburg, Köln, gehörte. Da sind sie dann auch alle versammelt, die Koryphäen der deutschen Avantgarde: Kandinsky mit dem sehr seltenen, noch dem Jugendstil verpflichteten Handabzug des großformatigen Farbholzschnitts Abschied von 1903 (Taxe 100.000 Franken), Nolde mit der aquarellierten Farblithografie Meer – Welle aus dem Jahr 1926, nur 22 Exemplare sind von diesem geradezu imperialen Format (60,5 mal 77,5 Zentimeter) nachgewiesen (150.000), Kirchner mit dem Holzschnitt Fünf Kokotten – Berlin, der nach jüngeren Erkenntnissen in nur zwölf Exemplaren gedruckt wurde. Er gehörte zu der von Kirchner zusammengestellten Stiftung für den Kunstverein Jena, die 1937 als "entartet" beschlagnahmt und 1940 über die Berliner Galerie Ferdinand Möller weiterverkauft wurde (600.000). 1914, als das Blatt entstand, hatte sich die 1905 mit revolutionärem Anspruch gegründete Künstlergruppe Brücke bereits wieder aufgelöst.

Die längst schon überkommenen Interpretationen eines Menschenbilds, das noch dem 19. Jahrhundert verhaftet war, die akademischen Prinzipien, all das wollten die Architekturstudenten Kirchner, Heckel, Schmidt-Rottluff und Bleyl über den Haufen werfen. Die Farben wurden vormächtig, die Formen kantig, ungefällig, auf Details verzichtete man, Tabuthemen bestimmten das Repertoire. Radikalität bei der Hinwendung zum unverstellten Ausdruck war das Prinzip. Dass das nicht jedermanns Sache, schon gar nicht auf Dauer, war, versteht sich. Nolde soll seinen Austritt 1907 mit der Bemerkung "Ihr solltet euch nicht Brücke sondern van Goghiana nennen" quittiert haben.

Und doch, zwischen 1906 und 1913 entstanden die schönsten, die stärksten Arbeiten auf Papier der deutschen Avantgarde, etwa Kirchners Aquarell Drei nackte Mädchen im Raum – Drei Akte im Zimmer, 1906 in Dresden entstanden, von ihm später eigenhändig auf 1905 datiert (300.000), oder Heckels Farbholzschnitt Zwei ruhende Frauen von 1909/10, der durch die Handeinfärbung Monotypie-Charakter bekommt (350.000). Die höchsten Erwartungen setzt Kornfeld in ein Nolde-Winterbild von 1908, in eine Giacometti-Bronze (beide 1,2 Millionen Franken) und La Suite Vollard, die Picasso als Gegenleistung für ein Cézanne- und ein Renoir-Bild für den Galeristen Ambroise Vollard zwischen 1930 und 1937 sukzessive schuf, hundert Radierungen, in denen er, typisch für seine Produktion jener Jahre, ausführlich das Thema "Maler und Modell" (seine damalige Geliebte Marie-Thérèse Walther) verhandelt, aber auch, es ist seine neoklassizistische Phase, die Sage von Minotaurus, dem schrecklichen Mischwesen.

Die komplizierte Editionsgeschichte, ihre langwierige Entstehungszeit, die einem Temperament wie dem Picassos wohl kaum entsprach, führte schließlich dazu, dass nur wenige komplette und durchweg signierte Folgen existieren. Kornfeld hat nun eine ganz besondere vollständige Kompilation. Bei 1,5 Millionen Franken ruft der jetzt 88-jährige Doyen unter den Auktionatoren das Kunstwerk auf, und wenn es zu einem erfreulichen Bietgefecht kommt, wird er womöglich dem erfolgreichen Bieter die strahlend rote Nelke an seinem Revers überreichen.