Unter den deutschsprachigen Gegenwartsautoren gilt der österreichische Schriftsteller Walter Kappacher (Jahrgang 1938) als einer der stillsten. Er ist wirklich ungewöhnlich still. Kein lautes Wort von der ersten bis zur letzten Zeile. Kein falsches Wort. Keine prunkende Metapher, nicht die Spur von Ironie- und Unterhaltungswerten. "So reglos wie eine Amsel im Winter sitze ich an meinem Schreibtisch" – so ein Satz käme Kappacher nicht über die Lippen. So spricht der Icherzähler in einem Wilhelm-Genazino-Roman, ein Genazino-Stellvertreter: empfindlich, zerknirscht, irgendwie festgefahren im Leben und doch so reglos nicht, dass ihm nicht muntere Vergleiche zu Gebote stünden. Er kann seine Verspanntheit locker beschreiben. Er sagt: "Ich sitze ein wenig verhangen über meinem Mohnstreuselkuchen" – und schon geht es ihm besser.

Kappacher-Figuren, Kappacher-Stellvertretern würde es nicht besser gehen. Sie sitzen zwar auch oft reglos, verhangen da, aber sie könnten nie so vollmundig darüber reden. Sie sind zu beschämt, um so viel Aufhebens von sich zu machen. Zu vieles ging schief im Leben. Liebesbeziehungen: lieblos abgebrochen. Freundschaften: nicht gepflegt worden. Der Beruf: keine Berufung gewesen. Zu einem Glück hat es nie gereicht, nicht mal zu einem richtigen Unglück. Schöne Sätze, gelungene Metaphern würden das peinliche Gefühl des Gescheitertseins nur verdoppeln. Der Lehrer Stefan im Roman Selina oder Das andere Leben verkriecht sich für Wochen in ein von Dornendickicht umwuchertes Anwesen in der Toskana, ein verlassenes Abbruchhaus, das seinem Innern entspricht. Bei Hofmannsthal, in dessen Krise während der Arbeit am Andreas -Roman sich Kappacher mit seinem Roman Der Fliegenpalast hineinempfunden hat, ist es ein öder Kurort, in dem der Dichter den stotternden Sprachmotor wieder in Gang zu bringen hofft.

An einem solchen Ort, in Gastein lebt der Arzt Wessely bereits, Kappachers Alter ego in seinem neuen Roman Land der roten Steine. Die Ängste und Albträume, seine stille Verzweiflung sieht man ihm nicht ohne Weiteres an. Reden könnte er nie darüber. Das übernimmt der Autor, indem er Wesselys Verfassung etwa so beschreibt: "Beim Warten in der Schlange im Supermarkt fiel ihm ein, dass er sich ja im kommenden Jahr auf vieles freuen durfte..." Zum Glück fällt ihm das ein, dass er sich freuen "darf". Auf den "möglichen Besuch" seiner Tochter, die er kaum kennt. Auf Bücher – Goethe, Meister Eckhard, Paracelsus – Lektürefreuden, die in vierzig Jahren Berufspraxis zu kurz kamen. Auf Wanderungen in der Umgebung mit "begeisternden Rundblicken".

Das Panorama seines bisherigen Lebens hat Wessely, seit Kurzem im Ruhestand, wenige Erhebungen zu bieten. Eine gescheiterte Ehe, die Frau ist inzwischen gestorben. Das ungute Verhältnis zu seinem Vater, dem zuliebe er die Medizin wählte, obwohl er sich zum Schriftsteller berufen fühlte. Als hätte er das Leben eines anderen geführt, ein immerhin tätiges, erfülltes Leben, wie er sich zu trösten versucht. Aber einen Höhepunkt gab es vor Kurzem doch: die Reise in den Canyonlands-Nationalpark im Südwesten der USA. Vor Jahren war er schon einmal auf einer Stippvisite dort gewesen und beim Blick in die gewaltigen Abgründe dieser vor Urzeiten geformten monumentalen Felsenlandschaft in eine Art Trance geraten. Eine "verrückte Sehnsucht" nach dem land of standing rocks ließ ihn seitdem nicht mehr los. Er las alles Erreichbare darüber. Er musste dort wieder hin, am liebsten mit Monica, einer Amerikanerin, die er in Gastein kennenlernte. Mit ihr erträumte er sich einen Neuanfang. Doch dann ist die Amerikanerin so plötzlich verschwunden, wie sie aufgetaucht war. Er reist also allein, in Begleitung eines wortkargen Indianers, der ihn fünf Tage lang durchs labyrinthische Gelände kutschiert. Ein strapaziöser Trip voller Gefahren und Ängste, aber auch spiritueller Höhenflüge. Die Stille, der Anblick der bizarren Felsskulpturen, "als hätte jemand geübt, bevor er den Menschen schuf", die Vorstellung von den "ungeheuren Zeiträumen" der Entstehungsgeschichte unserer Erde" jagen dem von Hause aus nicht religiös gestimmten Arzt wieder heilige Schauer über den Rücken.

Doch das Glück dieser überwältigenden Transzendenzerfahrung hält nicht lange vor. Zu Hause befällt Wessely wieder der alte Trübsinn. Wenn er jetzt von einer Lawine verschüttet würde, denkt er beim Spaziergang im Schnee, würde ihn niemand vermissen. Er liest ein Buch über einen in den dreißiger Jahren im Canyon verschollenen jungen Poeten. Das Verschüttet- und Verschollensein ist Leitmotiv des Romans und seines morosen Helden. Die Reisebeschreibung nimmt er gleich in Angriff, aber sie will ihm nicht recht gelingen.

Dieser Reisebericht ist das einzige Kapitel des Romans in der Ichform. Die Fiktion, dass sich hier einer schwertut mit Worten, ist dem Autor gelungen. Die Stimme des Erzählers ist brüchig, der Faden droht abzureißen. Ein Erzählen, wie wenn jemand auf einer Steigung immer wieder abrutscht, ein ständiges Nachgreifen, Neuansetzen nötig ist, um wieder Tritt zu fassen. Dieses stolpernde zeitverwirrte Erinnern zeichnet der Autor mit stupender Impressivität im Duktus des Romans nach, mit dem Effekt, dass auch der Leser sich verheddert in Zeit und Raum und ihm die Zunge schwer wird. Er soll durch diese Mimikry die betäubende Schwere einer Alterskrise ermessen, so wie man junge Auszubildende der Geriatrie in Bleianzüge steckt, damit sie das Gewicht des Alters einmal physisch spüren. Kaum etwas dürfte schwerer zu beschreiben sein, als dieser schleichende Selbstverlust, dieses zeitlupenhafte Gleiten ins Nichts. Ein Thema, das virulenter nicht sein könnte.

Mit Wessely hat Walter Kappacher wieder einen empfindsamen, geistig anspruchsvollen Romanhelden geschaffen, den in den Weiten des Canyonlands ein Hauch von Ewigkeit, vom großen All oder Nichts anweht. Oder mit Schiller (über das "Erhabene") formuliert: "Ein größerer Maßstab der Schätzung wird ihm von der simplen Majestät der Natur vorgehalten, und von ihren großen Gestalten umgeben, erträgt er das Kleine in seiner Denkart nicht mehr."

Walter Kappacher scheint diesen größeren Maßstab verinnerlicht zu haben. Seine Bücher liegen fernab unserer Welt der Pleonexie, sprich der Sanktionierung von Anmaßung, Gier, Trivialität als systemischen Produktivkräften. Sie sind ernst, still und karg wie eine Mönchszelle. Unter so vielen Autoren, die zu laut sind, deren Geltungsdrang den Nährwert ihrer Mitteilungen weit übertrifft, wirkt die Lektüre von Kappachers Romanen purgierend wie der Aufenthalt in einem Schweigeorden.