Ein Mann betritt an einem heißen Sommernachmittag in Buenos Aires einen Frisiersalon. Dabei hat er nichts anderes im Sinn als eben: seine Haare. Das klingt nicht wie der Auftakt eines ernst zu nehmendes Romans, eher denkt man an einen Witz: Geht ein Mann zum Friseur. Doch im Frisiersessel versinkt dieser Mann, der bis zum Ende des Buchs namenlos bleiben wird, in tiefe und weitreichende Gedanken. Der Spiegel, der Umhang, das Tschick-Tschick der Schere sind ihm das, was Proust der Duft der Madeleine war.

Die Erinnerungen steigen beim Waschen auf, und noch bevor die Schere die eigentliche Arbeit auf seinem Kopf aufnimmt, ist der Namenlose im Kellerverlies des Argentinischen Automobilclubs angekommen, wo einst sein Knabenkopf raspelkurz geschoren wurde, wandert weiter zu Mädchenhänden, die in der Lockenpracht des besten Freundes wühlten, und landet schließlich bei der eigenen pubertären Rebellion in Form gezielt formlosen und ungepflegten Haarwuchses.

Damit sind wir dort, wo der argentinische Schriftsteller Alan Pauls seine Leser haben will: in den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts, als das Musical Hair die Welt erobert hatte und ein Revolutionär, der auf sich hielt, einen Afrolook trug wie Angela Davis.

Der Namenlose ist, ebenso wie sein Autor, in dieser Zeit erwachsen geworden, für Argentinien waren es bleierne Jahre. Nach einer Phase eskalierender Gewalt zwischen der immer weiter nach rechts driftenden Staatsmacht und militanten linken Gruppen etablierte das Militär 1976 eine brutale Diktatur , die mehr als sieben Jahre dauerte und an die 30.000 Menschen "verschwinden" ließ.

Über dieses nationale Trauma ist viel geschrieben worden – und wird noch viel geschrieben werden müssen. Unter den namhaften argentinischen Erzählern gibt es kaum jemanden, der dieses Thema nicht behandelt, zumindest berührt hätte. Mittlerweile weicht der Kult um die Toten und Verschwundenen einer vorsichtig nüchternen Betrachtungsweise. Wir haben uns geirrt , ein Roman von Martín Caparrós , Jahrgang 1957, ist da ein wichtiges Beispiel.

Alan Pauls, nur zwei Jahre jünger, betreibt die Verweigerung des Heldenhaften mit großer Konsequenz. In seiner gesamten Trilogie über die siebziger Jahre ( Geschichte der Tränen , Geschichte der Haare und die bislang noch nicht ins Deutsche übersetzte Geschichte des Geldes ) erzählt er zwar von dieser Epoche, aber große Ereignisse blendet er aus, die Diktatur wird nicht erwähnt: An historischen Hintergrundgeräuschen ist allenfalls ein bisschen Popmusik wahrzunehmen. Man hört keinen Schuss, kein Gebrüll, keine Parolen. Nur, im Nachhinein, in den Erinnerungen eines Friseursessels, deren leises Echo, das aber auch ein ganz anderes, gegenwärtiges Geräusch sein könnte.

Der namenlose Mann im Sessel war damals ein sehr normaler Jugendlicher, politisch nicht aktiv, noch nicht einmal interessiert; er war und ist das, was die allermeisten Menschen im Hinblick auf die große Geschichte sind: ein unfreiwilliger Zeuge, ein Zuschauer, ein Trittbrettfahrer-Zeitgenosse, der sich gerade die Haare schneiden lässt, während ein paar Straßen weiter jemand gefoltert wird oder anderswo ein Krieg ausbricht.