© Siedler Verlag

Wie die Renaissance aus dem Mittelalter emporstieg, warum die Kirche ihre Alleinherrschaft über das Denken verlor und wann genau jene Neuzeit begann, die Gott aus dem Mittelpunkt schob, den Menschen an seine Stelle setzte und schließlich in unsere Moderne der entgrenzten Selbstverwirklichung führte – das alles ist keineswegs klar. War die Entdeckung Amerikas eine Ursache oder die Folge? Ergab sich die Reformation aus der neuen Selbstständigkeit des Denkens oder aus den Widersprüchen, in die sich die mittelalterliche Kirche manövriert hatte?

Historiker hadern seit Langem mit dem Epochenbegriff der Renaissance; sie haben ihn auch nicht erfunden, es waren Dichter, Maler und Philosophen, die Jahrhunderte später beschlossen, das Mittelalter als finster anzusehen und das Italien des 14., 15. Jahrhunderts für seine Feier der Schönheit und des Lebens zu rühmen. Seither müssen sich die Renaissanceforscher mit einem ideologisierten Epochenbegriff herumschlagen, den sie doch nicht mehr aus den Köpfen vertreiben können.

Jakob Burckhardt hat seine Kulturgeschichte der Renaissance in Italien unter anderem geschrieben, um sich gegen den Renaissancekult des 19. Jahrhunderts und seine Feier gewalttätiger Übermenschen zu wehren. Mit Entsetzen sah er, wie das Buch von Auflage zu Auflage zu einem Bestseller wurde, der den modischen, von Nietzsche beflügelten Renaissancismus eher noch weiter befeuerte als widerlegte.

Die Frage nach Wesen und Ursache des neuzeitlichen Umbruchs – und ob nicht am Ende doch dem frommen Mittelalter der Vorzug zu geben sei – hing immer auch an der Frage, wie lieb einem die eigene Moderne war, und führt deshalb mitten in den politischen Streit des 19., 20. Jahrhunderts. Der revolutionäre Demokrat Jules Michelet liebte den Fortschritt und feierte die Renaissance, der katholische Reaktionär Joris-Karl Huysmans hasste den Fortschritt und bevorzugte das Mittelalter – um nur zwei französische Beispiele zu nennen.

Aber alles Fingerhakeln fand doch auf einem gemeinsamen Tisch statt, und das war die unbestreitbare Tatsache, dass die Renaissance vor allem eine Wiederentdeckung der Antike bedeutete, zuallererst der antiken Literatur, die wiedergefunden oder ganz neu gelesen wurde. Manche haben deshalb zum entscheidenden Datum die Ankunft byzantinischer Gelehrter in Italien erklärt, die vor der Eroberung Konstantinopels durch die Osmanen flohen – mit den griechischen Klassikern im Gepäck. Indes ist auch diese Datierung nicht unbestritten; Byzanz selbst hatte zwei Jahrhunderte zuvor so etwas wie eine Proto-Renaissance erlebt, in der die antiken Autoren neu studiert und zum Vorbild erhoben worden waren – und im Übrigen war das Interesse an den Klassikern auch im Westen längst erwacht.

Es hatte sogar hysterische Dimensionen erreicht. Überall durch Europa zogen humanistische Gelehrte, vornehmlich aus Italien, die in den großen Klöstern, aber auch entlegenen Abteien nach Handschriften griechischer und römischer Autoren fahndeten, besonders gierig nach solchen, die nurmehr dem Namen nach bekannt waren.

Sie suchten systematisch und flächendeckend, manchmal auch detektivisch einer Spur folgend, und einem dieser Büchersucher, dem schließlich der spektakulärste Fund gelang, hat jetzt der amerikanische Literaturwissenschaftler Stephen Greenblatt ein hymnisches Buch gewidmet. Es ist Poggio Bracciolini, der 1417 in Süddeutschland, möglicherweise in der Benediktinerabtei Fulda, das philosophische Lehrgedicht De rerum natura von Lukrez wiederentdeckt hat.