Der Finanzunternehmer Carsten Maschmeyer ist ein sehr reicher Mann. Nach eigenem Bekunden auch ein sehr zufriedener Mann. Zumindest der Reichtum wurde ihm nicht in die Wiege gelegt. Man kann von dem Mann halten, was man will: Seine Aufstiegsgeschichte ist schon interessant. In soziologischer, phänotypischer und ideologischer Hinsicht. Das empfand Carsten Maschmeyer wohl auch selbst, deshalb schrieb er vor einiger Zeit ein Buch, in dem er erzählte, wie er es schaffte, dermaßen reich und zufrieden zu werden. Das Buch ist allerdings nicht nur Lebens- und Karrierebericht. Carsten Maschmeyer will auch als Vorbild wirken für die Loser im Land. Deshalb versteht sich sein Buch – es heißt Selfmade – auch als Rezept und enthält Ratschläge zum Erfolgreichwerden. Im Kern sind es immer die gleichen zwei Ratschläge: Man soll seine Zeit so effizient wie möglich einteilen, und man soll möglichst viele Kontakte knüpfen. Das machen wir hier auch. Aber die 650 Millionen Euro, die Carsten Maschmeyer schätzungsweise besitzt, lassen auf sich warten.

Egal. Das ist jetzt nicht der Punkt. Es geht auch nicht darum, ob Carsten Maschmeyer ein großer Autor ist. Dies ist von dem Genre, in dem sich sein Buch bewegt, nicht zu erwarten. Es gehört zu jenen Büchern, in denen Menschen, die ansonsten keineswegs zum Schreiben berufen sind, einen Aspekt oder eine Schicksalswendung ihres Lebens für etwas Besonderes halten und deshalb davon berichten. Mit Literatur oder klassischen Autobiografien hat das nur entfernt zu tun. Allerdings mit den Veränderungen des Buchmarkts. Ich-habe-etwas-erlebt-Bücher sind gefragt wie nie. Auf Platz 2 der aktuellen Bestsellerliste steht das Buch von Samuel Koch, dem Unfallopfer aus Wetten, dass.. ?. Strukturell handelt es sich dabei um nichts anderes als bei dem Buch von Carsten Maschmeyer, das auf Platz 5 steht. Beide beruhen unter anderem auf der Erwartung, mit der Erzählung einer persönlichen Erfahrung ein bisschen Geld zu verdienen. Das ist völlig okay. Beide sind gleichermaßen interessant oder uninteressant. Das eine wirft einen Blick ins deutsche Show-Wesen, das andere ins deutsche Kapitalwesen. Beide sind ohne stilistische Ambition. Sie unterscheiden sich auch keineswegs in ihrer moralischen Berechtigung. Und trotzdem empfindet man geradezu reflexhaft einen Unterschied. Es macht einen Unterschied, ob von großem Glück erzählt wird oder von großem Unglück.

Wie gesagt: Der Unterschied ist nicht moralischer Natur. Er liegt vielmehr in der Natur des Erzählens selbst. Es ist dem Unglück nun mal näher. Über Adam und Eva im Paradies gäbe es ohne den fatalen Vorfall mit dem Apfel wenig zu berichten. Es fehlte ihnen an nichts. Ein schöner, aber hinsichtlich seiner Erzählbarkeit kein allzu ergiebiger Zustand. Der Anlass jedes Erzählens ergibt sich aber aus einem Konflikt. Das Glück hat keinen. Es will eben nur, dass alles so bleibt, wie es ist. Auf diesen verständlichen Wunsch zielt auch Carsten Maschmeyers Buch, und allein deshalb macht sein Buch einen etwas überflüssigeren Eindruck als das Buch von Samuel Koch. Nicht, weil dieses einen Mitleidsbonus besäße, sondern weil seine Voraussetzung, die entsetzliche Tragödie, dem Ursprung des Erzählens mehr entspricht. In diesem Punkt treffen sich Ich-habe-etwas-erlebt-Bücher durchaus mit hoher Literatur.