Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen © Nicole Sturz

Martenstein schlug die Zeitung auf und fand eine Art Manifest . Es ging um das Urheberrecht. Zahlreiche Autoren verlangten, dass man für ihre Texte bezahlen soll, wenn man sie lesen möchte. Wenn die Autoren mit ihrer Arbeit kein Geld mehr verdienen, wird der Autorenberuf nämlich sehr ungemütlich. Man sagt zwar "der Beifall ist das Brot des Künstlers", aber das ist nur Folklore. Martenstein leuchtete das Manifest ein, Texte gibt es nicht gratis, er fand diese Idee naheliegend und vernünftig. Gleichzeitig war er beunruhigt, weil da die Namen von hundert Autoren standen, von denen er einige persönlich kannte, aber ihn hatte niemand nach seiner Ansicht über das Urheberrecht gefragt. Konnte es sein, dass er so unbedeutend war? Spielte sein Name unter einem Manifest politisch wirklich überhaupt keine Rolle? Oder lag es wieder einmal an dem kaputten Handy?

Er las die Liste der Namen ein zweites Mal. Nun, mit dem einen oder anderen konnte er es an Bedeutsamkeit wohl schon aufnehmen. Das war sehr beunruhigend. Auch ein bisschen demütigend.

In den folgenden Tagen schwoll die Zahl der Unterzeichner des Manifestes an, es waren erst 500, dann 1.000, dann 1.500. Es handelte sich praktisch um den gesamten deutschen Kulturbetrieb, soweit er schreibt. Alle hatten zum Urheberrecht eine Meinung – alle, außer Martenstein. Vielleicht hätte er selber etwas unternehmen sollen. Passivität, das war ja immer sein Problem. Wer organisierte das überhaupt? Eine Literaturagentur. Sollte er dort anrufen? Um zu sagen, dass er auch für das Urheberrecht eintrat? Leidenschaftlicher als manch anderer? Schon immer? Das würde, so spät, irgendwie peinlich wirken. Allmählich entstand eine Gegenbewegung. Es gab ein Gegenmanifest. Martenstein dachte: Na gut, man hält mich offenbar für einen Nonkonformisten, sie denken, dass ich sowieso gegen das Urheberrecht bin. Was aber sollte er den Gegnern des Urheberrechts sagen, wenn sie bei ihm anriefen? Er hatte inzwischen nicht übel Lust, sich auf ihre Seite zu schlagen. "Ich will kein Geld für meine Texte. Ich will nur Liebe." Aber die anderen riefen auch nicht an. Das war richtig unheimlich inzwischen.

Im Grunde war das Urheberrecht eine unbedeutende Fußnote der Geistesgeschichte. Martenstein beschloss, niemals auch nur eine einzige Zeile über das Urheberrecht zu verfassen. Seine Themen fand er im Ewigmenschlichen, nicht in den Niederungen politischer Tagesthemen. Statt dem Urheberrecht widmete er seine Kolumne einem neuen literarischen Trend. Autoren traten in ihren eigenen Texten als Kunstfigur auf, und zwar unter ihrem eigenen Namen. Die Schriftstellerin Felicitas Hoppe hatte zum Beispiel ein Buch geschrieben, das Hoppe hieß und in dem es um eine Schriftstellerin namens Felicitas Hoppe ging, das Buch war offenbar sehr gut. Dasselbe Verfahren war Martenstein auch im neuesten Roman des von ihm bewunderten Michel Houellebecq aufgefallen, dort wird ein extrem egozentrischer und wenig sympathischer Schriftsteller namens Houellebecq bestialisch ermordet. Auch der Autor Stephen King trat, wie Martenstein sich zu erinnern glaubte, in den Stephen-King-Romanen gelegentlich als großspuriger Wichtigtuer "Stephen King" auf und ließ sich dabei in der Regel ermorden. Wichtig war, dass der Autor, der in seinem eigenen Text zu seiner eigenen Figur wird, keinesfalls eine liebenswerte Rolle spielt. Nur wenn der Urheber eines Textes sich selbst als einen eitlen Widerling oder zumindest als fragwürdigen Charakter beschreiben kann, hat er, vielleicht, das Recht zu diesem Kunstgriff.

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