Ein Jeep rast über eine rote Ampel und erfasst eine Radfahrerin. Der Fahrer flüchtet, die Radlerin liegt ein Jahr im Krankenhaus, mit Schädel-, Hirn- und Wirbelsäulenverletzungen, Beckenbrüchen, Gedächtnislücken und Koordinationsstörungen. Melody Gardot war blühende 19 Jahre alt, eingeschrieben an der Modeschule ihrer Heimatstadt Philadelphia, gelegentlich spielte sie Piano in Bars. Jetzt wacht sie "als Gemüse" auf. Das Gemüse fängt an, Gitarre zu spielen, therapiert sich damit selbst und beginnt bald darauf eine Weltkarriere. So weit die bekannte, vor Kraft und Lebenswillen leuchtende Geschichte.

Fünf Sterne, die sie sich verdient hat. So nennt sie die pfeilförmigen Tätowierungen auf ihrer rechten Schulter. Bei jedem Pfeil war sie dem Tod einmal nah. Melody Gardot, heute 27, füllt das Zimmer des Berliner Hotels mit der Aura einer sophisticated lady: Kopftuch, enges kupferfarbenes Kleid, High Heels. Daneben der Gehstock. Ein irritierendes Bild.

Sie hat Werbeverträge mit Luxusgüterherstellern, sie hat Glamour, sie ist mit den Folgen des Unfalls in die Offensive gegangen, aber sie ist keine Frida Kahlo. Gardot macht den Schmerz nicht zum Thema ihrer Songs. Die sind, im Gegenteil, federleicht. Sie nimmt die Sonnenbrille nicht ab, die empfindlichen Augen, aber sie tanzt Tango. Melody Gardot hält ihre eigene Balance.

"Meine fünf Sterne erinnern mich jeden Tag daran, welch ein Glück es ist, auf der Welt zu sein", sagt sie. "Das ist mein Om, wenn ich aus der Dusche komme. Ich denke daran, wie mein Leben aussah, als ich begann, und wie es heute aussieht. Welche unmöglichen Herausforderungen vor mir lagen und wie der Weg dann immer schöner wurde. Ich erlebe jeden Morgen das Öffnen der Blüten im Frühling."

Für die Videoinszenierung von Baby I’m A Fool setzte sie sich gleich in die Badewanne, umtanzt von befrackten Männern. Großes Gefühlsschaumbad. Ein Song, bei dem man sich fragte: Gershwin? Ellington? Antwort: eine Kostprobe von Gardots Songwriter-Skills, erschienen 2009 auf My One And Only Thrill. Die feingliedrigen Jazz-Soul-Chanson-Aquarelle des Albums gehören, besonders in Deutschland, Frankreich und Skandinavien, zur musikalischen Grundversorgung bürgerlicher Haushalte. Vince Mendoza und Larry Klein, zwei Profis für die Produktion komplexer Einfachheit, rollten dafür flauschige Soundteppiche aus.


Sie singt, als spräche sie zu sich selbst, und sie spricht, wie sie singt. Leise, geschmeidig, präzise, delikat, nuancenreich. Es scheint, als lege sogar der bleigraue Berliner Himmel an diesem Nachmittag etwas Make-up auf, wenn Gardot von ihrer Weltreise spricht. Mehr als ein Jahr lang war sie unterwegs. Auf den Spuren eines musikalischen Urstroms, einer Lingua franca, die Nordafrika, Spanien, Portugal, Argentinien, Brasilien verbindet. Samba, Rumba, Fado, Tango, in einer schier unerschöpflichen Palette von Schattierungen und Zwischentönen.

Auf dem Cover hat sie sich ausgezogen, angeregt durch das berühmte Aktfoto von Nina Simone: "Sie stand einfach vor der Kamera und sah aus wie eine afrikanische Königin. Es wirkt weder sexuell noch sinnlich. Einfach nur selbstverständlich und ohne Scham. Dieser Körper entschuldigt sich für nichts. Es ist einfach ein Foto. So wollte ich es auch machen. Aber danach gab ich das Foto einem Maler, um es nachmalen zu lassen." Das keineswegs anzügliche Bild könnte manchen Magazinleser in Fahrt bringen, auch Einzelhändler aus dem Bible belt beschweren sich schon.

Melody Gardot erschafft ihr Image und ihre Bilder wie ihre Musik. Luxuriöse schwerelose Eleganz, Schicht für Schicht in Handarbeit aufgetragen, poliert und veredelt. Vier Studios, zwei Tonmeister, zwei Jahre Arbeit. Bis zu 250 Gesangs- und Instrumentalstimmen haben sie und der brasilianische Gitarrist Heitor Pereira bei manchen Stücken ineinandergewoben. Pereira, früher Gitarrist bei Simply Red, ist ein Virtuose der Klangfarben. Von den Schlümpfen bis Gladiator hat er alles drauf.

"Ist dir die Perkussion im dritten Stück aufgefallen?", fragt Melody Gardot. Es heißt So Long. Da gibt es ein leises rhythmisches Geräusch, leiser als das sehr leise Knacksen einer Vinylplatte. Gardot hebt die wohlmanikürte Hand, drückt die roten Nägel von Daumen und Mittelfinger gegeneinander. Es macht leise "knacks". Manche Menschen tun das, wenn sie nervös sind. Gardot ist darauf stolzer als auf einen teuren Digitaleffekt. "Wie die Kinder" haben Pereira und sie experimentiert. Mit Pflanzenblättern getrommelt, mit Papier und Kugelschreiber Gitarre gespielt. All das im Zusammenhang mit perlenden Pianoläufen, besenraschelndem Schlagzeug und einem Himmel voller Geigen, der bisweilen an die Streichersätze erinnert, auf denen Claus Ogerman den brasilianischen Tropicalismo schweben ließ. Eine sanfte Oberfläche, darunter unendlich viele delikate Schichten. The Absence ist ein Soundtrack für Abwesenheiten aller Art. Fernweh, Tagträume, Dreiminutenreisen. Der wundersame Weg der Melody Gardot ist damit noch lange nicht zu Ende.

Melody Gardot: The Absence (Erscheint bei Decca/Universal Music. Konzerte in Deutschland im Juli)