Die Welt ist weiß, wenn man die Sammlung Harald Falckenbergs in Hamburg-Harburg betritt. Eine mächtige Treppe, die sich über mehrere Stockwerke erhebt und die Mitte des Museums bildet, weite Sichtachsen, wohin man auch blickt, alles in jener strahlenden Helle, in der wir uns angewöhnt haben, Gegenwartskunst zu betrachten. Die Kunst aber, die in diesen Räumen gezeigt wird, bildet den denkbar stärksten Kontrast zu dieser Aufgeräumtheit. Es ist Kunst, die aus Abfall, aus dem Verworfenen lebt, die all das herausstellt, was sonst gepflegt unter den Teppich gekehrt, in die schwärzesten Tiefen des Unterbewusstseins verbannt wird, das in den Kellerräumen der politischen Subversion haust. Die Affenskulptur von Bjarne Melgaard ist so ein typisches Falckenberg-Werk: überlebensgroß, dem Fernseh-Trash entliehen (Planet der Affen), die eine Hand am ejakulierenden Glied, die andere dem Besucher mit ausgefahrenem Mittelfinger entgegengestreckt. "Fickt euch" oder "Fickt das System", so wäre die Botschaft wohl zu verbalisieren, und im Museum darf man das ja auch mal sagen.

Das Schöne an dieser Sammlung: Sie ist überschaubar und klar definiert. Sie versichert sich ihrer gesellschaftskritischen Ursprünge, in dem sie zurück bis zu Vito Acconci, den Wiener Aktionisten und Fluxus reicht. Voll entfaltet sie sich mit Arbeiten von Martin Kippenberger, Albert Oehlen und Georg Herold und ihren amerikanischen Pendants Paul McCarthy, John Baldessari und dem jüngst verstorbenen Mike Kelley. Und wer sich hier und heute auf diese Gestalten bezieht, ihr Kunstverständnis aufnimmt und fortführt, ist natürlich auch dabei: Jason Rhodes etwa, John Bock oder Jonathan Meese.

Was aufgefallen? Alles Männer. Na gut, es gibt auch ein paar Ausnahmen (Sarah Lucas, Anna Oppermann...), aber dadurch tritt die Männerdominanz natürlich nicht weniger stark hervor. Und warum auch nicht? Es ist die Figur des angry young man, die in der Sammlung in all ihren Facetten vorgeführt wird, und wie zentral diese Gestalt für die Geschichte mitsamt ihren Katastrophen ist, wer wollte das bestreiten? Dabei sieht es so aus, als ob die Sammlung Falckenberg das letzte Kapitel dieser Figur erzählt, schließlich betreiben die Künstler den Untergang des Halbstarken schon selbst. Mit seiner obszönen Affenskulptur etwa lässt Bjarne Melgaard ja auch die eigenen Hosen herunter: Seht her, da habt ihr den Mann, den alten Held der Geschichte – schwanzgesteuert und öffentlichkeitsgeil.

Im ZEIT-Museumsführer stellen wir Ihnen jede Woche eines der schönsten Museen Deutschlands vor. Um alle bisher veröffentlichten Museumsführer der ZEIT aufzurufen, klicken Sie bitte auf das Bild © Stuart Franklin/Bongarts/Getty Images

Neben der Sammlung sind mehrere Wechselausstellungen im Jahr zu sehen. Zuletzt hat der Philosoph Georges Didi-Huberman dort eine Rekonstruktion und Kontextualisierung von Aby Warburgs Mnemosyne-Atlas gezeigt. Zurzeit hängen Fotografien von Wim Wenders an den Wänden, und es folgen Ausstellungen über Hanne Darbovens Messie-Werk und den vor allem als Schriftsteller bekannten William S. Bourroughs. Bis vor Kurzem hat Falckenberg, von Haus aus Jurist und Geschäftsführer eines mittelständischen Unternehmens, Programm und Sammlung privat gestemmt. Mittlerweile ist sie an die Hamburger Deichtorhallen angegliedert worden.

Einen durchgängigen Museumsbetrieb gibt es nicht. Besucher müssen sich anmelden und werden dann in Gruppen durch die Sammlung geführt. Laut Falckenberg ist das von Vorteil, weil Gegenwartskunst der Erklärung bedarf. Andere bedauern das und sehen die wilde Kunst in Harburg auf zweifache Weise gezähmt: erst eingezäunt durch die Hürden der Anmeldung und dann noch neutralisiert durch die Sterilität klassischer White-Cube-Architektur. Aber wäre es besser, die Sammlung spielte mit der Illusion des Offenen? Als würde keine Ausstellung gezeigt, sondern als wäre das Museum der Hinterhof des Lebens selbst? Wäre es besser, die alte Halle der Gummiwaren-Fabrik, in der die Sammlung untergekommen ist, wäre auch von innen erhalten geblieben und die Kunst stünde in abgeranzten Ecken? So hätten wir das als Romantiker natürlich gern. Aber die Sammlung Falckenberg ist auf eine harte Weise ehrlich. Sie zeigt in ihrem schonungslosen Licht die Ambivalenz sogenannter subversiver Kunst: einer Kunst, die mit aller Kraft hinter die Gitter des Museums drängt, um dort vom Ausbruch ins Leben zu träumen. Was will man mehr?