Die Gluthitze der Julitage und sintflutartige Regenfälle wechseln sich ab. Auf den Gewaltmärschen bleiben Tausende zurück, sei es, dass sie erschöpft, an Ruhr erkrankt oder schlicht kriegsmüde sind. Gerade in den nichtfranzösischen Kontingenten ist die Zahl der Nachzügler und Deserteure groß. Nicht wenige schließen sich zu Banden zusammen und ziehen plündernd und mordend durchs Land. "Attila im Zeitalter der Barbarei konnte auf seinem Weg keine schrecklicheren Gräuel angerichtet haben", empört sich ein polnischer Offizier.

Als die Armee nach einigen Vorpostenkämpfen am 17. August in das brennende Smolensk einzieht, zählt sie nur noch 160.000 Mann. Für Napoleon stellt sich die Frage, ob er in Richtung Moskau weiterziehen oder ob er haltmachen soll, um seine geschwächte Armee zu reorganisieren und die eroberten Gebiete zu sichern. Zu Letzterem raten ihm die meisten seiner Generäle. Ihnen ist nicht entgangen, dass die Russen mit ihrer Taktik der "verbrannten Erde", das heißt ihrem Versuch, auf dem Rückzug alles zu zerstören, was den Franzosen irgendwie von Nutzen sein kann, eine neue Art der Kriegführung praktizieren, welche die Invasionstruppen auf Dauer zermürben muss.

Doch nach einigem Schwanken entscheidet sich Napoleon dafür, die Offensive fortzusetzen. "Der Wein ist eingeschenkt, er muss getrunken werden", hält er einem seiner Kritiker, General Jean Rapp, entgegen. Darin klingt noch einmal das Gesetz des Handelns an, unter dem der korsische Eroberer angetreten ist. Er ist zum Erfolg verdammt. Ein Halt, gar ein Zurückweichen, ohne den Sieg auf seine Fahnen geheftet zu haben, würde in seinen Augen einer Niederlage gleichkommen und seinem Nimbus schweren Schaden zufügen.

Am 19. Juli ist Alexander I. aus dem Feld nach St. Petersburg zurückgekehrt, in Russlands eigentliche Hauptstadt, die Napoleon aber links liegen gelassen hatte. Zuvor schärfte der Zar seinen Generälen noch einmal ein, "den Krieg so lange wie möglich hinzuziehen". Im Hauptquartier macht sich allerdings Unmut über das ewige Zurückweichen breit. Widerstandslos will man Moskau nicht aufgeben, und diesem Wunsch muss sich der Zar beugen. Am 29. August überträgt Alexander den Oberbefehl auf den 65-jährigen Fürsten Michail Kutusow, der, obwohl ihn Napoleon sieben Jahre zuvor bei Austerlitz geschlagen hat, sich hoher Beliebtheit im Volk und unter den Soldaten erfreut. Beim Dorf Borodino, 124 Kilometer von Moskau entfernt, stellt er sich der von Napoleon herbeigesehnten Schlacht.

Rund 130.000 Franzosen stehen knapp 125.000 Russen gegenüber. Seit den frühen Morgenstunden des 7. September entwickelt sich eines der grauenvollsten Gemetzel der Kriegsgeschichte. Erbittert wird vor allem um die hinter Erdwällen verschanzten russischen Artilleriestellungen gerungen. "Das war ein Kampf nicht zwischen Männern, sondern wilden Tigern", beschreibt ein russischer Hauptmann das blutige Hauen und Stechen.

Napoleon ist gesundheitlich angeschlagen. Meist sitzt er regungslos auf einem Stuhl, beobachtet das Schlachtfeld durch sein Teleskop und zögert, den Einsatz seiner Elitetruppe, der Kaiserlichen Garde, zu befehlen, der möglicherweise die Schlacht entscheiden könnte. Am Ende bleiben 80.000 Tote und Verwundete zurück, 35.000 Franzosen und 45.000 Russen. Einen besonders schrecklichen Anblick bietet die Rajewski-Schanze: "Menschen, Pferde, Lebende, Verstümmelte, Tote – aber sechs- bis achtfach übereinander – deckten weit und breit die Avenuen zu derselben, hatten die Gräben ausgefüllt und lagen ebenso im Innern übereinander", berichtet ein Augenzeuge.

Napoleon hat zwar die Oberhand behalten, aber Kutusows Truppen können sich geordnet zurückziehen. Am Nachmittag des 14. September erreichen die Spitzen der Grande Armée Moskau; die meisten Einwohner haben die Stadt fluchtartig verlassen. "Wir waren erstaunt, niemand zu sehen. Nicht ein einziger hübscher Mädchenkopf ließ sich durch unsere Musik anlocken", wundert sich Sergeant Adrien Bourgogne.

Vergeblich wartet Napoleon darauf, dass ihm eine Delegation Moskauer Bürger die Stadtschlüssel überbringt. Er quartiert sich im Kreml ein – in der sicheren Annahme, dass Alexander nun um Frieden bitten wird. Doch nichts geschieht. Am 15. September brechen in der Stadt Brände aus. Moskaus Militärgouverneur Fjodor Wassiljewitsch Rostoptschin hat sie legen lassen, er will auf diese Weise die Strategie der "verbrannten Erde" fortsetzen. Ein starker Wind facht die Flammen an. Drei Tage wütet das Feuer; am Ende sind zwei Drittel der Stadt zerstört. In den Ruinen richten sich die französischen Soldaten ein, immer auf der Jagd nach etwas Essbarem und nach Kriegsbeute.

Während sich die Disziplin der Truppe lockert, harrt Napoleon unschlüssig im Kreml aus. Immer noch hofft er auf ein Friedensangebot, doch der Zar denkt gar nicht daran. "Napoleon oder ich, ich oder er", teilt er einem Abgesandten Kutusows mit, "beide können wir nicht zu gleicher Zeit herrschen."

Will Napoleon den Winter über nicht in Moskau festsitzen, dann bleibt ihm nur der Rückzug. Tag um Tag schiebt er die Entscheidung auf. Verwundert registriert seine Umgebung, dass er die Mahlzeiten in die Länge zieht. "Er suchte sich zu betäuben, überließ sich dann einer trägen Ruhe, brachte die martervollen Stunden tötender Langeweile halb liegend, ja gleichsam empfindungslos zu und schien so, einen Roman in der Hand, die Entwicklung seiner schrecklichen Geschichte abzuwarten", bemerkt Brigadegeneral Philippe-Paul de Ségur in seiner 1824 erschienenen Histoire de Napoléon et de la Grande Armée pendant l’année 1812, der wohl berühmtesten Darstellung des Russlandfeldzugs aus französischer Sicht.

Endlich, am 19. Oktober, verlässt die noch 95.000 Mann starke Grande Armée die Stadt, begleitet von einem riesigen Tross von Fuhrwerken aller Art, über und über beladen mit Beutegut. "Das war nicht mehr die Armee Napoleons, sondern die des persischen Darius, der von einem großen Beutezug heimkehrte, mehr lukrativ als glorreich", beobachtet Graf Adrien de Mailly von den Carabiniers à Cheval.

Napoleons Plan, eine südwestliche Route über Kaluga nach Smolensk einzuschlagen, wird durch Kutusow vereitelt. So muss seine Armee auf demselben Weg zurückmarschieren, auf dem sie gekommen ist – durch ein Gebiet, das bereits stark verwüstet ist. Am 28. Oktober passiert sie das Schlachtfeld von Borodino; dort liegen noch immer die inzwischen stark verwesten Leichen der Gefallenen.