Ist das Wetter beim Aufbruch aus Moskau noch recht milde gewesen, so setzen am 6. November die ersten Schneefälle ein. Die Temperaturen sinken unter den Gefrierpunkt. Der Rückzug verwandelt sich mehr und mehr in eine wilde Flucht. "Schlecht gekleidet, [...] ohne Nahrung und ohne stärkende Getränke, zog alles stumm über die weite Schneefläche", notiert der württembergische Leutnant Christian von Martens. "Niemand befahl, niemand gehorchte mehr." Unaufhörlich umschwärmen Kosakenregimenter die fliehenden Kolonnen. Wer zurückbleibt, den erwartet ein schlimmes Schicksal: Die Kosaken verkaufen die Gefangenen an russische Bauern, die grausam Rache nehmen für das, was sie erlitten haben.

Am 9. November erreicht das völlig demoralisierte Heer, kaum noch 50.000 Mann, Smolensk. Nur wenige Tage der Rast sind ihm vergönnt, denn inzwischen bedrohen Kutusows Truppen die rückwärtigen Verbindungen. Nach dem Abzug aus Smolensk löst sich die Ordnung vollkommen auf. Die Temperaturen fallen zeitweise auf unter minus 20 Grad. Während Napoleon, von seiner Garde abgeschirmt, immer noch mit regelmäßigen Mahlzeiten versorgt wird und feste Nachtquartiere beziehen kann, müssen die meisten seiner Soldaten hungern und im Freien kampieren. Viele erfrieren.

Steht die Memel, der Njemen, für den Beginn, so wird ein anderer Fluss zum Symbol für das letzte schauerliche Kapitel des Russlandfeldzugs: die Beresina. Die Russen haben die Holzbrücke in Borisow, den einzigen Übergang, zerstört. In aller Eile errichten holländische Pioniere, bis zur Brust im eiskalten, von Schollen bedeckten Wasser stehend, zwei Ersatzbrücken. Zwar kann Napoleon mit seiner Garde und den Resten seiner Armee am 27. November rechtzeitig den Fluss überqueren. Doch über zehntausend Nachzügler geraten unter das Feuer der russischen Artillerie und drängen zu den Brücken. Noch über zwanzig Jahre später erinnert sich der württembergische Leutnant Karl Kurz der entsetzlichen Szenen: "In den hallenden Donner des Geschützes mischten sich das Wehgeschrei Halbzerschmetterter, der Angstruf der in dem Strom Versinkenden und das Toben und Fluchen derer, die mit verzweifelter Gewalt vorwärts zu dringen versuchten[...]. Der Fuß trat nicht auf Leichen, sondern auf Lebende, die sich, halb zerstampft, in wilden Zuckungen wälzten."

Doch mit dem Drama an der Beresina ist das Schlimmste noch nicht überstanden. Es wird kälter und kälter, Ende November minus 30 Grad, am 6. Dezember sogar minus 37 Grad. Der Kampf ums Überleben nimmt immer unmenschlichere Züge an. Es kommt zu Fällen von Kannibalismus. Er habe, notiert der russische Leutnant Boris Uexküll am 1. Dezember in sein Tagebuch, "einen Haufen von ganz nackten Leichen" gesehen, "auf diesen saßen noch Lebende, die am Fleisch ihrer Kameraden nagten und wie wilde Tiere brüllten". Über Wilna und Kowno schleppen sich die traurigen Überreste der einst stolzen Streitmacht zurück. Nur noch 16.000 Soldaten erreichen am 16. Dezember die Memel; einige Tausende Versprengter folgen in den nächsten Tagen.

Zu diesem Zeitpunkt ist Napoleon schon nicht mehr bei seinen Truppen. Am 5. Dezember hat er das Kommando seinem Schwager übertragen, dem König von Neapel, Joachim Murat, um so rasch wie möglich nach Paris zurückzukehren. Seine Anwesenheit dort hält er für erforderlich, um die psychologischen Folgen des Desasters zu begrenzen. Zwei Wochen dauert die Fahrt in Schlitten und Kutsche. Napoleon reist inkognito, als "Sekretär" seines Großstallmeisters Caulaincourt. In endlosen Monologen sucht er die Verantwortung anderen zuzuschieben: "Zu allem, was ich getan, hat England mich getrieben, mich gezwungen. Hätte es nicht den Vertrag von Amiens gebrochen, hätte es nach Austerlitz, nach Tilsit Frieden geschlossen, ich wäre still zu Hause geblieben."

Am 18. Dezember, kurz vor Mitternacht, trifft er in den Tuilerien ein. "Gute Nacht, Caulaincourt! Sie haben auch Ihre Ruhe verdient", verabschiedet er sich von seinem Begleiter. Zwei Tage zuvor hat der Moniteur das 29. Bulletin de la Grande Armée veröffentlicht, das der Kaiser noch vor seiner Abreise diktiert hat. Darin wird, verklausuliert, die Niederlage eingeräumt, zugleich aber eine zählebige Legende in die Welt gesetzt: dass der Feldzug zuallererst am russischen Winter gescheitert sei. "Die Gesundheit Seiner Majestät war niemals besser", so schließt das Dokument. 400.000 Franzosen und Angehörige der verbündeten Streitkräfte sind umgekommen, 100.000 in Gefangenschaft geraten. Die Russen haben fast gleich hohe Verluste zu beklagen, sodass die Gesamtzahl der Opfer etwa eine Million Menschen beträgt.

Alle Beschönigungen konnten über das Ausmaß der Katastrophe nicht hinwegtäuschen. Auch wenn es noch erheblicher Anstrengungen der europäischen Koalition unter Führung des Zaren bedurfte, um Napoleon endgültig niederzuringen – der Kaiser der Franzosen hatte den Zenit seiner Macht überschritten, den Nimbus der Unbesiegbarkeit eingebüßt. Der Russlandfeldzug war der Anfang vom Ende seiner Herrschaft über Frankreich und Europa.