Eigentlich müsste Olga Eisele eine gefragte Person sein. Sie arbeitet im Europahaus am Pariser Platz, nur ein paar Schritte vom Brandenburger Tor entfernt. Sie soll dem Bürger das europäische Wirrwarr erklären, seine Fragen beantworten, sie soll mit ihm diskutieren. Seit gut zwei Jahren herrscht Euro-Krise, es gäbe viel zu diskutieren. Aber die freundliche junge Frau mit den langen schwarzen Haaren sitzt ganz allein in ihrem großen Laden.

Viele Touristen und Familien schauen durch das große Schaufenster in Olga Eiseles weiß-blau-graues Büro. Dann gehen sie weiter. Eisele versucht, die Lage mithilfe der Statistik zu retten: Bis zu 150 Leute kämen täglich rein.Schüler und Lehrer und auch ganz normale Bürger. Sie weiß das so genau, weil sie Strichlisten führen muss. Einen Strich für jeden, der durch die Tür tritt.

Olga Eisele wartet. Ihr Schreibtisch wird fast verdeckt von einer hohen Trennwand. "Frieden" flimmert über einen Bildschirm, der an einer blauen Wand montiert ist. Daneben stecken in weißen Regalen Heftchen voller Bilder von fröhlichen Menschen. Die werben für einen Besuch im Brüsseler Parlamentarium, für Verbraucherschutz und natürlich für den Euro. "Broschürenabwurfzentrale" hat eine Berliner Zeitung das Europahaus mal genannt. Für PR-Agenturen muss die EU ein unendlicher Quell an Aufträgen sein.

Die europäische Krise ist von diesem pedantisch aufgeräumten Raum ganz weit weg. Kein Wort über den Streit um Rettungsschirme, Griechenpleite und Euro-Bonds. Keine Nachrichten zu Merkels Europa und Hollandes Gegenentwurf. Kein EU-Politiker, der von seinem Job erzählt. Sicher kann man jede Information finden, irgendwo, in einem der Computer, die man benutzen darf. Doch auf den ersten Blick sieht man nur Kommissionspräsident José Manuel Barroso und Parlamentspräsident Martin Schulz als lebensgroße Pappmaché-Figuren.

Kurz bevor die Kontemplation in Depression umschlägt, öffnet Olga Eisele die Tür. "Die Luft ist schlecht", sagt sie.

Da tritt endlich der Bürger durch die offene Tür. Ein junger Mann mit Baseball-Kappe und Rucksack, Kopfhörer hängen aus der Hosentasche. Er heißt Heinrich Schulz und ist Soziologiestudent. Zielstrebig steuert er auf den großen Tisch in der Mitte des Raumes zu, an dessen Seite ein Kasten voller winziger Heftchen hängt. "Die sind wirklich gut", sagt Schulz, "da steht die Grundrechtecharta der EU drin, in Miniatur." Dann sagt er noch, er finde "allerdings auch die ganze EU klasse", und das klingt nun schon wieder fast so, als ob er sich für ein schräges Hobby entschuldigen müsste.

Heinrich Schulz wühlt in dem Kasten. Die Charta gibt es auf Spanisch, Tschechisch und Französisch. Es gibt sie nicht auf Deutsch. Endlich fragt er Olga Eisele. Die ist nett, kann ihm aber nicht helfen: Das Ding ist vergriffen. Und sie weiß auch nicht, wann die EU wieder liefern wird.

"Brainfuck", flucht Heinrich Schulz. "Ein bisschen mehr Mühe könnten die sich schon geben. Liebe kommt so nicht auf." Europa und Liebe? Vielleicht sei das zu hoch gegriffen, gibt er zu. "Jedenfalls soll das Volk hier wohl nicht König sein." Es sei hier eher wie im Einwohnermeldeamt oder im Fahrkartenbüro. Nichts locke zum Verweilen. Schulz schaut durchs Fenster in die Frühlingssonne. "Tschüss dann", sagt er freundlich.

Und weg ist er, verschwunden im Gedränge des Pariser Platzes. Ein lebensgroßer Berliner Bär streitet sich dort mit russischen Soldaten um die Gunst der Touristen. Foto! Foto! Dazwischen demonstriert ein hagerer Österreicher mit Piratentuch auf dem Kopf für ein Kulturzentrum. Immer wieder schreit er: "Europäische Kultur! European culture!"

Olga Eisele schließt die Tür.