Kann das Volk nicht richtig wählen? Man hatte sich ein Fest der Demokratie erhofft von der ägyptischen Präsidentschaftswahl. Als Sieger strahlende Repräsentanten der neuen Zeit. Doch stattdessen schafften es ein Islamist und der letzte Premierminister des alten Herrschers in die entscheidende Runde der Wahlen am 16./17. Juni. Als das Ergebnis verkündet wurde, setzten Demonstranten das Büro des Siegers Ahmed Schafik in Brand.

Bei dieser Wahl ist viel schiefgelaufen, kein Zweifel. Doch das liegt weniger am Wahlvolk, sondern zum größten Teil am alten Regime und seiner fortgesetzten Manipulation des freien Willens der Menschen.

Doch beginnen wir mit den Wählern, mit den jungen Aktivisten, den Revolutionären, denen Ägypten diese ersten freien Präsidentenwahlen in der Geschichte verdankt.

Sie fühlen sich heute wie die Profis des FC Bayern nach dem verlorenen Champions-League-Finale gegen Chelsea. Sie hatten den Sieg in den Händen und am Ende alles verloren. Die Befürworter der Revolution hatten zwei charismatische Kandidaten am Start: den moderaten, von manchen liberal genannten Islamisten Abd al-Moneim Abu al-Futuh und den linken Säkularen Hamdin Sabbahi. Wie stark die Unterstützung für die nationale Rebellion gegen das alte autoritäre Ägypten ist, zeigt sich am Ergebnis der Kandidaten: zusammen über 40 Prozent. Doch leider waren sie zwei.

Vor 14 Tagen noch lag Al-Futuh den Umfragen nach souverän in Führung. Doch der gläubige Politiker hatte viel zu tun, seine breite Koalition aus Rechten und Linken, Liberalen und Islamisten zusammenzuhalten. Einmal plädierte er für die Scharia als Leitlinie der Gesetze, ein anderes Mal für Gleichberechtigung der Frauen. Der lupenreine Linke Sabbahi konnte dagegen mit voller Kraft die säkularen Werte der Revolution feiern. Die Revolutionäre jubelten hier bei Futuh und dort bei Sabbahi. Am Ende verteilten sie säuberlich ihre Stimmen, und jeder der beiden kam auf rund zwanzig Prozent. Zu wenig.

Zumal das Militärregime diese Wahl gut vorbereitet hatte, den eigenen Machterhalt stets im Blick. Ob es tatsächlich zu Fälschungen gekommen ist, wie die unterlegenen Futuh und Sabbahi vielleicht zu Recht reklamieren, ist dabei nicht einmal allein entscheidend. Die gesamten Umstände dieser Wahl geben Anlass zur Skepsis. Das begann mit dem Wahlverbot für viele Kandidaten, unter anderem für einen populären Reformer der Muslimbrüder und einige Liberale. Es setzte sich fort mit möglichen Manipulationen dieses knappen Wahlausgangs, in dem Sieger und Verliefast gleichauf lagen. Durften Uniformierte trotz Verbots mitwählen? Wurde richtig ausgezählt? Niemand hat Gewissheit. Internationale Wahlbeobachter hat das Regime ausgesperrt.

Über allem lag der Schatten tiefer Verunsicherung in der Bevölkerung. Die Polizisten in diesem Land tun seit Monaten ihre Arbeit nicht mehr, sie kneifen vor Rowdys, Einbrechern und Mördern. Die Armee hat das blutige Fußball-Desaster von Port Said mit zu verantworten. Die Botschaft war: Ordnung braucht das Land.