Der Artikel "Ihr wollt nicht hören, sondern fühlen" von Christiane Florin (ZEIT Nr. 21/12) hat zahlreiche Reaktionen hervorgerufen, vor allem unter Studenten. Florin, die seit zehn Jahren Politikwissenschaft in Bonn lehrt, warf darin ihren Studenten vor, sich nicht für Politik zu interessieren und in den Seminaren lieber ihre Wasserflaschen leer zu trinken, statt Dinge kritisch zu hinterfragen. "Ihr unterwerft euch einem 3-Liter-Wasser-am-Tag-Diktatürchen", so Florins Urteil. Viele stimmten ihren Beobachtungen zu, andere widersprachen und schickten Repliken. Hier veröffentlichen wir eine davon.

Gelangweilt hängen wir auf unseren Stühlen, die Wasserflasche fest in der Hand. Unser Blick fällt auf das Hand-out, das da vor uns auf dem Tisch liegt und auf dem wir mit etwas Glück ein paar halbwegs korrekte Literaturangaben finden. Wir wissen nicht recht, wieso wir hier sind. Auch Dozent und Referent scheinen uns da nicht weiterhelfen zu können. Während wir den Vortrag hören, schaffen wir es, den ersten halben Liter in uns hineinzuschütten. Nach dem Referat, das weder kritisch ist noch einen Überblick über die Forschung gibt, lobt der Dozent das Gesagte als "wirklich gut" – und geht gleich zu seinem obligatorischen Monolog über, den er Woche für Woche abspult. Anschließend folgen einige Fragen von Kommilitonen, wobei das Niveau zwischen Stammtisch, Oberstufenkurs und Spiegel Online liegt. Danach ist unsere Wasserflasche fast leer.

Christiane Florin hat insofern mit ihrer Beschreibung nicht ganz unrecht. Aber Politikwissenschaftlerin zu sein bedeutet, nicht bei der Beschreibung stehen zu bleiben. Es geht, wie Florin richtig schreibt, um Zusammenhänge. Was also ist los im Seminar? Die meisten von uns wählen dieses Studium, weil sie etwas erreichen wollen. Weil wir uns eben doch für Politik interessieren. Wir sind keine Dogmatiker, aber wir haben Ziele und Werte. Sicherlich: Es gab immer Studenten, die desinteressiert sind, und es gibt sie auch heute. Doch was ist mit den anderen, der Mehrheit, die sich aus Interesse und nicht mangels besserer Alternativen für dieses Studium eingeschrieben haben?

Zum einen sind da die Anreize, die ein Seminar bietet. Die 68er haben sich nicht für Semipräsidentialismus und Gewaltenteilung begeistert, sondern für gesellschaftliche Veränderung. Auch wir interessieren uns dafür, wie man Politik verstehen und gerechter machen kann. Doch wo soll unsere Kritik ansetzen, wenn wir gar nicht über die entscheidenden Themen sprechen? Wenn wir nicht nach unserer Meinung zu Klimawandel und den weltweiten Chancen der Demokratie gefragt werden, sondern danach, wie die bisherigen Bundeskanzler hießen? Seit wir unser Studium begonnen haben, sind arabische Diktatoren gestürzt worden, eine Weltwirtschaftskrise erschütterte die Welt, und in Deutschland ist eine neue Partei entstanden. Doch diese Wirklichkeit kommt in unseren Seminaren nicht vor.

Und wie soll eine sinn- und niveauvolle Diskussion entstehen, wenn Dozenten selbst keine Begeisterung für das Thema zeigen? Wenn sie bereits in der ersten Seminarstunde erklären, dass wir die Texte sowieso nicht lesen werden? Und sich fortan mit der Anspruchslosigkeit zufriedengeben, statt kontroverse Fragen zu stellen und schlechte Referate auch tatsächlich zu kritisieren, statt durchzuwinken? Wir möchten keinen autoritären Lehrstil von vorgestern. Aber wir brauchen Dozenten, die uns zum Denken anregen und ermutigen. Natürlich gibt es solche Dozenten und Seminare, doch leider sind sie ziemlich selten.

Zum anderen sind Studenten Teil der Welt, die sie umgibt. Eine Gesellschaft kann nicht in einer permanenten Aufbruchstimmung leben, wie sie Ende der sechziger Jahre bestand. Vielleicht sind Nach-68er-Generationen also tatsächlich "unpolitischer". Für die Zeit nach 1990 – in der viele der heutigen Studenten geboren wurden – wurde aber das Ende des Ost-West-Konflikts prägend. Dieser Umbruch wurde euphorisch zum "Ende der Geschichte", zu einem Sieg der marktwirtschaftlich-liberalen Demokratie erklärt, der angeblich das Nachdenken über Alternativen so überflüssig wie sinnlos mache.