Die wirklich großen, die weltbewegenden Wahrheiten stehen natürlich nicht in den Geheimpapieren. Denn solche Papiere, wie sie jetzt ein indiskreter päpstlicher Kammerdiener aus dem Vatikan geschmuggelt haben soll, handeln eben nicht von den letzten Dingen, sondern sind furchtbar profan. Sie sind bloß Hauspost und Flurfunk päpstlicher Unterlinge. Es ist wie mit gewissen Geheimdienstakten: Sie werden geschrieben von Beamten eines autokratischen Machtapparates. Sie füttern hauptsächlich die Bürokratie, sie dienen auch mal einer Intrige. Aber bahnbrechende Erkenntnisse, von denen die Zukunft der Menschheit oder wenigstens der Katholiken abhinge, Wahrheiten also, die die Aufregung der letzten Tage über römische Indiskretionen rechtfertigen würden, stehen gewiss nicht darin.

Die Papiere bestätigen nur, was wir längst wissen, denn wir haben es im Jahrhundert der Diktaturen gelernt: Der autoritäre Staat muss Geheimpolitik machen, weil er kein antiautoritäres Rumdiskutieren über seine unumstößliche Seinsweise dulden darf. Er muss Widerwortegeber, Abweichler und unbotmäßige Bankdirektoren rausschmeißen, die etwas so Neumodisches wie überprüfbare Bilanzen und selbstkritische Geschäftsführung etablieren wollen. Wenn es stimmt, dass Papst Benedikt den soeben geschassten Vatikanbankchef Ettore Gotti Tedeschi im Jahr 2009 holte, damit der sich durch transparentes Wirtschaften hervortäte, dann war das ein sympathischer päpstlicher Fehler.

Der Heilige Vater hat offenbar für einen Moment vergessen, wo er sitzt, nämlich in Rom auf dem Heiligen Stuhl, und da wird, anders als an der Theologischen Fakultät in Regensburg, nicht diskutiert. Da ist nicht Demokratie, sondern Monarchie. Da macht ein Einzelner die Gesetze, kirchenrechtlich korrekt. Und der Begriff Transparenz hat keine politische, sondern bloß eine theologische Bedeutung: Transparenz heißt Gegenwart Gottes in der Welt und der Welt in Gott. Mit den Worten des Befreiungstheologen Leonardo Boff: "Die Welt ist der sichtbare Körper Gottes."

Was folgt daraus? Vatikanpolitik muss Arkanpolitik und darf nicht transparent sein. Das kann man aus der Perspektive der Demokratie beklagen. Die Vatikankritiker tun es ja längst, und die Bücher des italienischen Journalisten Gianluigi Nuzzi über Roms dunkle Geldgeschäfte lesen sich mindestens so spannend wie Dan Browns Verschwörungskrimis. Aber Enthüllen allein hilft nicht. Weder die Enthüllungsplattform VatiLeaks noch der Geheimnisverrat durch einen päpstlichen Kammerdiener ändern etwas an Roms prinzipiellen Schwierigkeiten mit der Wahrheit. Der Vatikan sitzt in der Modernisierungsfalle: Er kann nicht autoritär und transparent zugleich sein. Er muss seine Geheimnisse verteidigen, aber macht sich durch Geheimniskrämerei angreifbar.

Vielleicht wird eines Tages ein Papst das knifflige Problem der verbotenen und zugleich notwendigen Offenlegung der Wahrheit durch Theologie lösen. In der Bibel geht das dialektisch. Dort heißt es über das Evangelium, dass es ein Geheimnis sei, aber gerade deshalb "freimütig verkündigt" werden muss.