Nähert man sich dem Ninewells Hospital im schottischen Dundee, beschleichen sogar einen gesunden Menschen Angstgefühle. Brutalarchitektur der sechziger und siebziger Jahre, eine verschachtelte Anhäufung von Betonkästen, Türmen und Fahrstraßen, die an den Frankfurter Flughafen erinnert. Die an die Universität angegliederte Klinik ist weltweit führend in Roboterchirurgie, Neurochirurgie sowie genetischer Medizin und mit mehr als tausend Betten eines der größten Krankenhäuser seiner Art in Europa.

Bekannt ist die Einrichtung jedoch auch für ein völlig andersartiges Bauwerk, das etwas abseits der Klinik steht. Individualistisch und formschön, sieht es wie die extravagante Villa eines Kunstliebhabers aus. Ein fast unschlüssig nach oben enger werdender weißer Turm, umgeben von einem silbrigen Kleingebirge aus runden Firsten, spitzen Giebeln und unregelmäßigen Zacken. Hohe Holzfenster, die den Blick über die Mündung der Tay freigeben. Das Gebäude ist nicht ganz so ausgelassen wie das Guggenheim-Museum in Bilbao , aber man spürt denselben kreativen Geist – das Genie des Kanadiers Frank Gehry , den das amerikanische Magazin Vanity Fair 2010 zum bedeutendsten Architekten unserer Zeit erkor.

Das von Gehry entworfene Maggie’s Centre in Dundee, neben dem Sommerpavillon der Londoner Serpentine Gallery sein einziges Bauwerk in Großbritannien, soll die Heilung Krebskranker fördern und ihren Betreuern psychischen Halt geben. Die Grundidee der hier verwirklichten Architektur lautet, Patienten und Angehörigen zu helfen, sich auf das Gesundwerden zu konzentrieren anstatt auf das Kranksein.

Kann das funktionieren?

Aushänge in der onkologischen Abteilung des großen Krankenhauses machen Patienten auf das exquisite Außengebäude aufmerksam. Dort finden sie jene Hilfe für die Überwindung von Not und Ängsten, die der normale Klinikbetrieb nicht bietet: Es gibt Kurse zu Stressminderung und Entspannung, Tai-Chi, Meditation und Yoga, psychologische Einzelbetreuung und Austausch mit anderen Kranken. Alles kostenfrei. Hier kann man sogar lernen, durch geschicktes Schminken die Spuren der Chemotherapie abzuschwächen.

Die Idee, begleitende Krebstherapie mit herausragender Architektur zu verquicken, geht auf eine Idee von Maggie Jencks zurück. Sie starb noch vor der Einweihung des ersten Maggie’s Centre selbst an Krebs. Doch ihr Mann Charles Jencks , ein Landschaftsarchitekt, führte ihr Erbe fort. Er schaffte es, führende Architekten aus aller Welt zu überreden, kostenfrei jeweils ein Krebszentrum zu entwerfen. Neben Frank Gehry waren das unter anderem der Niederländer Rem Koolhaas , der Japaner Kisho Kurokawa und der Engländer Richard Rogers . Zunächst waren die Zentren eine schottische Institution, dann entwickelten sie sich zur gesamtbritischen Einrichtung. Heute entstehen die ersten überseeischen Maggie’s Centres in Hongkong und Barcelona.

Rogers wurde für seinen Bau auf dem Gelände des Londoner Charing Cross Hospital gar mit dem renommierten Stirling-Preis ausgezeichnet . Das Maggie’s Centre im nordschottischen Inverness erhielt einen mit 20.000 Pfund ebenso hoch dotierten Architekturpreis. Das Design dieses Baus basiert auf der Zellteilung; die Zellen erscheinen als mandelförmige Strukturen. Die Glasgower Architekten David Page und Brian Park beschreiben ihr Werk und einen dazugehörigen Garten in esoterisch anmutenden Formulierungen als "Ort der Läuterung und Selbsttransmutation". Krebskranke bekämen die Gelegenheit, eine aktive Rolle in ihrer Heilung zu ergreifen und die Frage "Werde ich leben?" in die affirmative Aussage "Ich werde leben" umzuwandeln.