"Ich musste zeigen, dass ich das schaffe" – Seite 1

ZEITmagazin: Frau Kaufmann, es gibt noch immer nur wenige Kamerafrauen. Wie sind Sie in diese Männerwelt hineingeraten?

Judith Kaufmann: Mit 16 war ich bei einem Jazzkonzert und habe eine ganz zierliche Frau hinter einer riesigen Kamera gesehen. Dieses Bild war so beeindruckend, dass ich dachte: Das will ich werden. Als ich angefangen habe als Kameraassistentin, war ich aber im Grunde ganz allein unter Männern. Mir kam zuerst immer ein lächelndes Erstaunen entgegen, wie ich auf die Schnapsidee gekommen bin, diesen Beruf zu wählen.

ZEITmagazin: Wie haben Sie sich durchgesetzt?

Kaufmann: Ich glaube, an der Kamera muss man das sein, was als männlich bezeichnet wird: führend, stark, autoritär. Ich stand unter dem Druck, zu beweisen, dass ich genauso gut arbeiten kann wie ein Mann, obwohl ich nicht die gleiche körperliche Kraft habe. Das führte zu einer starken Verhärtung und Verbissenheit, weil ich meine Schwächen verbergen musste. Am Anfang gab es natürlich auch ziemliche Einbrüche.

ZEITmagazin: Einbrüche?

Kaufmann: 1985 habe ich als Assistentin einen Dokumentarfilm im Himalaya gedreht. Ich bin in der Mitte der Drehzeit krank geworden und musste ins Krankenhaus, das 100 Kilometer weit weg war. Ich habe mich vollkommen ausgeliefert gefühlt. Nach einer Woche kam ein Brief des Filmteams. Das Dorforakel habe ihnen gesagt, ich komme nicht mehr wieder, stand darin, und dabei lag ein Flugticket. Da hatte ich wirklich Angst zu sterben. Aber ich hatte eine kleine Kamera bei mir, und aus irgendeinem Grund habe ich dann angefangen zu fotografieren: den Tropf, die Spritzen, die Wände und mich selbst. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass mich dieses Fotografieren wirklich gerettet hat. Zwei Wochen später bin ich dann in das Dorf zurückgekehrt und habe weitergearbeitet. Ich musste zeigen, dass ich das schaffe. Kurz darauf ist dann der Regisseur erkrankt, und wir haben den Film ohne ihn zu Ende gedreht.

ZEITmagazin: Woher kommt Ihre große Disziplin? Hatten Sie Vorbilder?

Kaufmann: Mein Vater war sehr streng mit sich selbst und hat sich unglaublich viel abgefordert. Er fand, dass man sich bewähren und eine gute Leistung bringen muss. Das hat dazu geführt, dass wir Kinder immer versucht haben, etwas besonders gut zu machen, damit er uns lobt. Wir hatten immer diese ungreifbare Furcht, ob wir gut genug sind, ob wir überhaupt gesehen werden.

"Ich könnte niemals vor einer Kamera stehen"

ZEITmagazin: Wie haben Sie sich die Aufmerksamkeit Ihres Vaters geholt?

Kaufmann: Mit Sport, weil ihm das sehr wichtig war, erst Fußball, dann Basketball. Ich war sogar im Kader der Basketball-Jugendnationalmannschaft, bis dann leider festgestellt wurde, dass ich Österreicherin bin, und ich nicht weitermachen konnte. Aber mein Vater war sehr stolz auf mich, und ich war sehr froh darüber.

ZEITmagazin: Sind Sie auch mit sich selbst streng?

Kaufmann: Ich weiß inzwischen, dass ich auch sagen kann: Es reicht, ich muss nicht noch besser, klüger, schneller sein. Andererseits laufe ich seit zwölf Jahren jeden Morgen eine gute Stunde. Oder wenn der Dreh sehr früh am Tag anfängt, laufe ich in der Nacht danach. Da gibt es bei mir schon eine Art Abhängigkeit nach dieser Form von Ruhe und Abgeschiedenheit. Man ist nicht erreichbar, man muss nicht sprechen, man kann einfach nur gucken und läuft durch die Gegend. Ich versuche auch, das an jedem Ort der Welt zu machen. Es gab Orte, wo es sehr schwer war, Nairobi zum Beispiel oder Bangkok . Aber eigentlich kann man fast in jedem Land die Möglichkeiten finden, wenn man möchte.

ZEITmagazin: Wie kommen Sie bei Ihrer Disziplin mit dem Chaos am Set zurecht?

Kaufmann: Inzwischen hilft mir die Erfahrung, dass sich die Dinge meistens fügen, wenn man nur ruhig bleibt. Da ich zwischen vielen Schauspielern aufgewachsen bin, imponiert mir ihr Verhalten einfach nicht so und setzt mich auch nicht unter Druck.

ZEITmagazin: Würden Sie gern mal die Rolle wechseln und auf der anderen Seite sein?

Kaufmann: Ich könnte niemals vor einer Kamera stehen, ich weiß, was es bedeutet, sich da zu öffnen. Ich habe Angst, verletzt zu werden, wenn ich zu viel von mir zeige. Und davor, ausgeliefert zu sein, im Sinne eines kindlichen, existenziell bedrohlichen Gefühls. Ich glaube, dass es lange Phasen von Einsamkeit in meiner Kindheit gab. Das ist in mir verankert, und es ist ein langer Weg, sich davon zu befreien. Man muss selbst da rausfinden, und es ist toll, wenn man eine Arbeit für sich gefunden hat, bei der das möglich ist. Es ist das Gefühl einer tiefen Erfüllung: Etwas, das einem wehgetan hat, findet plötzlich seinen Ort und ist richtig aufgehoben.