Viele Wege führen nach Warschau, wo am 8. Juni im neuen Nationalstadion die Eröffnungsfeier der Fußball-Europameisterschaft 2012 steigt. Leser, die mehr wollen als die Statistiken und Mannschaftsfotos aus kicker und Sportbild, können sich diesem Ereignis auf ganz unterschiedliche Weise nähern.

Zum Beispiel mit der Anreise, auf einer Zugfahrt mit Steffen Möller . Der Kabarettist hat lange als Gastarbeiter in Warschau gelebt, sein Buch Viva Polonia wurde 2008 zum Bestseller. Nun erscheint sein neuer Titel Expedition zu den Polen – Eine Reise mit dem Berlin-Warszawa-Express . Mit dieser "amüsanten Bahnfahrt", so der Klappentext, möchte der Autor deutsche Leser an Sitten und Eigenheiten ihres Nachbarlandes heranführen.

Möller ist fraglos ein Polenkenner. Er erklärt Sprachfinessen, Tischsitten und Weihnachtsbräuche, umreißt auch das Steuersystem, den Immobilienmarkt und das Gesundheitswesen. Mit diesem Wissen hätte er ein ordentliches Sachbuch schreiben können. Doch dann kam ihm die verhängnisvolle Idee, "das neue Polenbuch in Form einer Zugfahrt zu gestalten", wie er im Vorwort erzählt.

Die erste Enttäuschung: die Handlung. Es passiert so gut wie nichts auf der sechsstündigen Reise, abgesehen von Lautsprecherdurchsagen und Fahrkartenkontrollen. Dramaturgische Höhepunkte sind unter anderem die Apfelschorlenbestellung eines Deutschen, die fast an der Sprachbarriere scheitert, und ein offen herumliegendes Portemonnaie, das beinahe geklaut worden wäre. Banale Begebenheiten werden ausgiebig über zwanzig Seiten geschildert, um Anlass für langatmige Infoblöcke zu liefern.

Die zweite Enttäuschung: die Sprache. Sie ist lieblos, ungenau, langweilig – und klingt stellenweise wie ein Broschürentext der Deutschen Bahn: Der Berlin-Warszawa-Express , heißt es da, ist "preisgünstig und attraktiv" und "besticht durch seine einmalig schöne Streckenführung, [...] die grünlich-türkisfarbenen Polstersitze wirken einladend sauber und weich". Da döst der Leser selbst ein, auch der bemühte Witz vermag ihn nicht aufzuwecken. So erreicht er im Halbschlaf am Ende des Buchs das Warschauer Nationalstadion und wünscht sich, er hätte schon auf Seite 24 den Rat des Autors befolgt: "Wer mit meinen Antworten unzufrieden ist, kann am (Berliner) Ostbahnhof brutal die Reißleine ziehen und sich aus dieser ganzen Polennummer verabschieden."

Deutlich mehr passiert in dem Buch Tor zum Osten – Besuch in einer wilden Fußballwelt von Olaf Sundermeyer . Der Journalist ist schon privat zu vielen Spielen nach Osteuropa gereist, ehe er sich als freier Korrespondent in Warschau niederließ. Und bereits auf den ersten Seiten wird klar, dass hier jemand mit Leidenschaft am Werk ist: Zu viel Wodka in Posen heißt das erste Kapitel – an dessen Schluss der Autor in einer Ausnüchterungszelle landet.

Sundermeyer erkundet Polen, die Ukraine und Russland und begegnet dabei immer wieder den drei großen Problemen des osteuropäischen Fußballs: Korruption, Gewalt und, genau, Alkohol. Er erzählt von saufenden Profis und lallenden Funktionären, von Mannschaften, die Geld sammeln, um den Gegner zu bestechen, und von einem polnischen Frisör, der reihenweise Schiedsrichter kaufte; er trifft rechtsradikale Ultras und hat Mühe, sich herauszureden, als ukrainische Hooligans mit ihm in die Schlacht ziehen wollen.