DIE ZEIT: Herr Richter, Sie suchen Streit?

Frank Richter: Ich brauche ihn! Im Beruf jedenfalls. Die Demokratie kommt doch ohne Streit nicht aus; und die politische Bildung deshalb auch nicht. Im Privaten geht es mir schon anders, da kann ich auf Zwist gut verzichten. Vielleicht liegt das an meinen Genen: Ich bin in Sachsen geboren, meine Mutter stammte aus Oberschlesien. Persönlich ist es mir völlig fremd, Streit zu suchen.

ZEIT: Zank und Streit haben einen schlechten Leumund. Dennoch lautet das Jahresmotto von Sachsens Landeszentrale für politische Bildung, die Sie leiten: "Lasst uns streiten!"

Richter: Stimmt. Das Verb "streiten", das hat in unseren Breiten etwas Abwertendes. "Streitet euch doch nicht herum!", das hört man schon im Kinderzimmer. Das Verb "diskutieren" hat einen besseren Ruf. Den meisten Leuten leuchtet ein, dass es wichtig ist, die Dinge genau zu beschreiben, sie zu unterscheiden, sie in Zusammenhänge einzuordnen, zu bewerten und die Konsequenzen von Entscheidungen abzuwägen. Das alles ist unverzichtbar, gerade in der Demokratie.

ZEIT: Wie emotional darf man beim Streiten sein? Sollte der Landtagsabgeordnete auch mal brüllen dürfen?

Richter: Dagegen ist nichts einzuwenden. Problematisch wird es, wenn das Schreien zur Waffe wird, wenn es die anderen verletzen soll. Ich persönlich habe kein Problem mit Lautstärke. Ob ich jemanden laut oder leise Blödmann nenne, ist unwesentlich. Wenn ich mich ärgere und das Gefühl habe, dass da etwas rausmuss, dann sollte ich aus meinem Herzen keine Mördergrube machen und auch mal lauter werden. Ein Beispiel: Ich spreche meist leise. Als ich aber Schlichter war im Streit um den 13. Februar...

ZEIT: ...als die Politiker Dresdens sich heftig zerstritten hatten über die Frage, wie man gegen Neonazi-Aufmärsche protestieren soll... 

Richter: ...da kam es manchmal zu verfahrenen Situationen. Deshalb habe ich gelegentlich viel lauter gesprochen, als ich es sonst tue – und alle spürten: Jetzt ist er an die Grenzen seiner Geduld geraten, jetzt redet er plötzlich ganz anders als sonst! Etwas muss passiert sein! Da war es durchaus hilfreich, den Streit lauter auszutragen. Schon war die Stimmung eine andere, vorsichtigere.

ZEIT: In einer Rede zum 13. Februar haben Sie gesagt: Die Feinde der Demokratie lachen sich ins Fäustchen, wenn sich die Anhänger der Demokratie zerstreiten.

Richter: Ich habe das Wort "zerstreiten" sehr bewusst benutzt. Zerstreiten ist für mich etwas Destruktives – Streiten etwas Konstruktives. Wenn Politiker beginnen, allein um der Profilierung willen zu streiten, wird es problematisch. Wenn es nicht mehr um die Sache geht. Wenn man streitet, um zu streiten. Das ist dem Bürger schnell verdächtig. Dann wird er der Sache überdrüssig.