Im Zweifel leiser - Vor 1989 ersehnt, danach verdammt: Wieso Streit vielen als hinderlich gilt

Wie Menschen miteinander streiten, hängt in erster Linie davon ab, wie sie ganz individuell von ihrem nächsten Umfeld diesbezüglich geprägt worden sind, also was beispielsweise die Eltern vorgelebt haben. Dieser Satz gilt für Ost- und Westdeutsche gleichermaßen. Es trifft nach meiner Beobachtung aber auch zu, dass Ost und West sich in der Öffentlichkeit unterschiedlich kontrovers auseinandersetzen. Das liegt vielleicht auch an der unterschiedlichen Sozialisation. Das Leben im Westen war auf Wettbewerb ausgerichtet, also eher konfrontativ, das im Osten kooperativ. So erzogen, ist man leiser, zurückhaltender, vermittelnder. Das prägte auch den politischen Umgang nach der Wende.

Meinungsbildung im Diskurs via Medien war etwas, was DDR-Bürger bis 1989 nur aus dem Westfernsehen kannten. Und da erfreute man sich aus der Ferne schon an den Auftritten von Wehner oder Strauß. Umso befreiender war es, in der Wendezeit auch die eigenen politischen Akteure am Runden Tisch und in der Volkskammer im offenen Schlagabtausch erleben zu können.

Als aber dann hierzulande die Existenzen wegbrachen, viele ihren Job verloren, das ganze soziale Gefüge ins Rutschen kam, wurde insbesondere ritualisierter politischer Streit im Osten als hinderliche Polemik empfunden. Vielleicht ist deshalb auch der Begriff "Streit" bei den meisten Ostdeutschen immer noch eher negativ besetzt, während bei Westdeutschen der produktive Aspekt des Streitens größeres Gewicht hat.