Mit schiefen Zähnen wäre Heidi Klum kaum auf dem Cover von Magazinen und im Fernsehen gelandet. Vor der Kamera gilt das Aussehen als Faktor, der den Weg nach oben beschleunigt. Auch fernab von den Scheinwerferwelten bekommen schöne Menschen meist mehr Aufmerksamkeit als weniger attraktive. Psychologen haben ermittelt, dass auf symmetrische Gesichter mit hohen Wangenknochen und glatter Haut wünschenswerte Eigenschaften projiziert werden: Freundlichkeit, Ehrlichkeit und Zuverlässigkeit genauso wie Intelligenz, Kompetenz und Leistungsstärke. So Gesegnete müssten es auf jeder Station ihres Lebenslaufes leichter haben, möchte man meinen. Jetzt zeigen zwei Studien: Für die Schule gilt das, nicht aber im Beruf. Da bekommen schöne Frauen Gegenwind – er weht aus einer Richtung, aus der man ihn nicht erwartet.

Bildungsforscher der Wuppertaler School of Education untersuchten drei Klassen eines nordrhein-westfälischen Gymnasiums, um den Einfluss des Aussehens auf Schulnoten nachzuweisen. Das Team um Imke Dunkake erhob Wissen und Intelligenz der Schüler, ließ deren Attraktivität von ihnen unbekannten Lehrern ermitteln und stellte diesen Daten die Noten der Schüler gegenüber. Die Forscher gingen davon aus, dass Lehrer schönere Schüler für unproblematischer halten und ihnen dadurch bessere Startchancen geben. Sie rufen sie öfter auf, erinnern sich später besser an deren Wortbeiträge. Zudem, so lautete die These in der Zeitschrift für Soziologie, unterstützen Lehrer attraktive Schüler mehr und sehen eher über deren Fehler oder Zuspätkommen hinweg.

Die Untersuchung ergab, dass mit der Attraktivität eines Schülers tatsächlich seine Note stieg. Bis zu vier Fünftel Notenpunkte lagen einzig aufgrund des Aussehens zwischen den mehr und den weniger attraktiven Schülern. Ob Junge oder Mädchen spielte keine Rolle, die Resultate beider Geschlechter waren ähnlich.

Man könnte sich die Karrieren der von der Natur Bevorzugten ausmalen: wie sie mit besseren Abi-Noten die besten Studienplätze bekommen, ihnen dort die Dozenten die schöneren Zeugnisse aushändigen. Und die Türen der Unternehmen stehen ihnen weit offen.

Von wegen! Die israelischen Wirtschaftswissenschaftler Bradley Ruffle und Ze'ev Shtudiner verschickten für ihre Studie fiktive Bewerbungen auf über 2500 Stellenausschreibungen. Wie sie in ihrem Aufsatz im Social Science Research Network beschreiben, versandten sie jede Bewerbung doppelt, einmal mit, einmal ohne Foto. Die Hälfte der Fotos zeigte attraktive Gesichter, die andere durchschnittliche. Und tatsächlich wurden die gut aussehenden Männer doppelt so oft angefragt wie ihre optisch neutralen Geschlechtsgenossen und auch öfter als die, deren Bewerbung ohne Foto eingereicht wurde.

Bei Frauen aber war das Gegenteil der Fall. Bevorzugt wurden Bewerbungen, die das Aussehen nicht erkennen ließen. Und die attraktiven Frauen hatten das Nachsehen – vor allem dann, wenn nicht externe Agenturen, sondern firmeneigene Personalabteilungen die Auswahl trafen. Diese luden zwar jeden sechsten Adonis zum Vorstellungsgespräch ein, aber nur jede elfte Schöne. Lag den Frauenbewerbungen kein oder ein von höchstens durchschnittlicher Schönheit zeugendes Foto bei, dann durfte jede siebte Kandidatin antreten.

Fällt hier die Hypothese vom blonden Dummchen ins Gewicht, die besagt, dass schönen Frauen nicht zugetraut wird, gescheit zu sein? Die Wuppertaler hatten in ihrer Schülerstudie mit einem derartigen Effekt gerechnet. Ihre Annahme, dass hübsche Schülerinnen in naturwissenschaftlichen Fächern diskriminiert würden, sahen sie jedoch widerlegt. Aber vielleicht gelten in der männlich geprägten Berufswelt andere Gesetze?

Als Ruffle und Shtudiner den Resultaten ihrer Studie auf den Grund gingen, stießen sie auf einen unterschätzten Faktor: In firmeneigenen Personalabteilungen sitzen bis zu 85 Prozent Frauen. Ihr Neid wurde den Geschlechtsgenossinnen zum Verhängnis. Indem sie hässliche Entlein bevorzugten, folgerten die Forscher, versuchten sie die Schönheitskonkurrenz in der Firma zu verhindern.

Zu dieser Interpretation passt, dass externe Personalagenturen (mit einem Frauenanteil von 96 Prozent) keinen Unterschied zwischen gut und weniger gut aussehenden Frauen machten. Den Agentinnen war die Optik der Kandidatinnen offensichtlich egal – sie würden ja nicht mit ihnen zusammenarbeiten. Dafür baten sie hübsche Männer auffällig oft zum Interview. Die wollten sie sich unbedingt mal ansehen.