ZEIT: Sind Sie dafür?

Zeh: Man kann gegen illegal operierende Plattformen mit den bestehenden Gesetzen vorgehen. Trotzdem wird vor allem auf EU-Ebene versucht, Gesetze wie das Acta-Paket zu erlassen. Solche Gesetze sind unsachlich und eignen sich nur dazu, eine riesige Überwachungsmaschinerie im Internet zu errichten. Das Urheberrecht wird als Vorwand missbraucht, um Kontrolle im Netz zu ermöglichen. Deswegen sind viele Leute gegen Acta, aber das heißt nicht, dass die alle das Urheberrecht abschaffen möchten.

ZEIT: Sie fürchten also eher den Regulierungswahn als fehlende Regeln im Netz?

Zeh: Ja. Seit dem 11. September gibt es Alarmisten, die das Internet als rechtsfreien Raum darstellen. Es war aber nie rechtsfrei. Dort gelten dieselben Gesetze wie überall. Aber Politiker stellen es gern so hin, als wäre das Internet eine anarchische Zone, wo nur Terroristen und Pöbler herumkrauchen, Böses aushecken und sich gegenseitig beleidigen. Ich stehe eher auf der Seite derer, die das Internet verteidigen. Aber ich bin trotzdem gegen das Raubkopieren. Beides kann man nämlich zusammendenken. Leider kapiert das momentan keiner.

ZEIT: Und warum? Die Urheberrechtsfanatiker sind ja auch nicht alle blöd.

Zeh: Zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik hat eine so große Anzahl von Künstlern es geschafft, ein gemeinsames Papier zu unterzeichnen – aber nicht gegen Menschenrechtsverletzungen in China , nicht mal für die Rettung des Regenwaldes . Es geht um die Angst, weniger Geld zu verdienen. Und diese Angst ist so massiv, dass sich 6.500 Leute in einem Papier vereinen und politisch werden.

ZEIT: Ist doch toll.

Zeh: Das klingt ein bisschen zynisch gegenüber den Kollegen. Dabei ist die Politisierung von Eigeninteressen total legitim. In Wahrheit geht es wohl um ein Problem, das keineswegs durchs Internet entsteht: Existenzsicherung. Viele Künstler werden schlecht entlohnt, aber schon immer. Und jetzt hören sie, dass die Raubkopierer ihnen noch etwas wegnehmen wollen. Da kochen die Emotionen hoch. Da tut man sich zusammen. Da springt man auf und unterschreibt. Ich würde lieber die Frage stellen, warum in einem reichen Land wie Deutschland manche Künstler sieben Tage die Woche gute Kunst machen und damit kaum sich selber ernähren können.

ZEIT: Wir möchten die Urheberrechtsdebatte mal historisch hinterfragen. Was heißt heute überhaupt Urheber? Hugo von Hofmannsthal hat schon vor hundert Jahren gesagt, dass man keine neue Literatur mehr schreiben und keinen eigenen Gedanken mehr fassen könne, weil alles bereits gedacht und geschrieben sei. Die Postmoderne fand dafür die Formel, dass jeder Text nur ein Gewebe aus anderen Texten sei.

Zeh: Und trotzdem gibt es den Urheber! Auch wenn viele Menschen bei meinen Texten mitdenken – Lektoren, Freunde, Ehemänner –, bin ich doch die Maschine, die daraus etwas dreht und schraubt und es am Ende ausspuckt. Ohne Autor ist Literatur undenkbar.

Schöffling: Stimmt!

ZEIT: Es ist doch im Grunde seit Goethe alles gesagt.

Schöffling: Ja, aber das ist eben Kunst, wenn jemand es noch mal neu sagt. Liebesromane gibt es in jeder Facette. Aber wenn Juli Zeh über die Liebe schreibt, tut sie es anders als alle bisher. Das ist Urheberschaft.

Zeh: So ist es seit ein paar Tausend Jahren, und wenn man das bedenkt, entspannt man sich unglaublich.

ZEIT: An ein paar Leuten ist die Postmoderne aber spurlos vorbeigezogen, die echauffieren sich jetzt über Plagiate , als müsste jeder Doktorarbeitsschreiber ein Originalgenie sein.

Zeh: Also, zwischen Originalgenie und dreistem Betrug liegt ein weites Feld, und beim wissenschaftlichen Arbeiten kommt es nach wie vor darauf an, seine Quellen kenntlich zu machen, das gilt auch für das Internet. Neulich wurde ich gefragt, ob das Internet meine Autorenschaft bedrohen würde, weil ich doch beim Schreiben im Netz recherchierte und deswegen nicht mehr wirklich Autor sei. Geht’s noch? Mag sein, dass sich andere das eigene Denken abgewöhnen, für mich bedeutet Schreiben immer noch mehr als nur copy and paste. Die Frage, was ein eigener Text sein soll, ist doch uralt. Der Autor recherchiert in Büchern, in der sogenannten Realität, heutzutage im Netz. Vom Wesen her ist es dasselbe. Trotzdem glauben die Leute immer, das Internet hätte alles verändert.

ZEIT: Wenn Sie die Macht hätten, im Internetzeitalter Standards zu setzen für den Buchmarkt – was würden Sie tun?

Zeh: Ich wünsche mir, dass der Kunde nicht immer zu Amazon geht, sondern direkt auf die Homepage vom Verlag.

Schöffling: Kann er doch!

Zeh: Aber er macht es nicht. Warum? Es fehlt uns etwas wie eine Plattform, auf der mehrere Verlage stehen.

Schöffling: Gibt es schon.

Zeh: Aber nicht wahrnehmbar für den Kunden!

Schöffling: Der Kunde will Amazon, weil das unglaublich bequem ist. Es gibt zwar kleine innovative Verlage und sogar eine Plattform, Tubuk, wo man auch alles direkt und schnell kriegt. Aber deren Umsätze sind verschwindend gering. Einer muss halt der Marktführer sein.