Viele Vorschriften und Verbote sind, für sich betrachtet, vernünftig. Auch gegen das Vorhandensein moralischer Prinzipien ist nichts einzuwenden, im Gegenteil. Ich möchte ungern missverstanden werden, etwa als jemand, der sich für Kinderarbeit, gegen Nichtraucherschutz und für die NPD einsetzt. Es kommt aber, wie in der Medizin, auch beim Moralismus und bei der Risikovermeidung auf die Dosis an. Das Streben nach sozialer Gerechtigkeit ist zum Beispiel ganz gewiss ehrenwert. Der Versuch, eine vollkommen gerechte Gesellschaft zu errichten, kann aber nachweislich im Stalinismus enden.

Es kommt auf die Dosis an. Es muss Grenzen geben. Als die Plagiatejäger im Internet die Doktorarbeit des Ministers Karl-Theodor zu Guttenberg zerpflückt haben , war das ein Dienst an der Allgemeinheit. Ein Blender wurde enttarnt, rechtzeitig, bevor er womöglich Bundeskanzler geworden wäre. Muss deswegen jetzt jede lang zurückliegende mittelschwere Schlamperei in jeder Promotion jeder mittelbedeutenden Persönlichkeit an den Pranger gestellt werden? Ich finde, nein. Eine Gesellschaft, in der kleine Verfehlungen und marginale Abweichungen vom rechten Pfad noch nach Jahrzehnten zum Ende einer Berufslaufbahn und zu einer öffentlichen Charakter-Hinrichtung führen, ist unmenschlich.

Kaum etwas kommt mir vernünftiger vor als der Schutz der Nichtraucher vor Belästigung. Muss man deshalb den Rauchern, auch denen, die Rücksicht nehmen, das Leben so schwer wie möglich machen? Muss man ihnen verbieten, sich auf einem bayerischen See eine Zigarette anzustecken? Muss man einem rauchenden Wirt verbieten, seinen rauchenden Gästen eine Suppe zu verkaufen?

Das Standardargument ist dabei bekanntlich die Belastung der Allgemeinheit, die ein Raucher angeblich verursacht. Wer bezahlt für die Behandlung seiner Krankheiten? Antwort: die Gesellschaft. Die Solidargemeinschaft der Versicherten.

In Wirklichkeit führen sich solche Rechnungen, wenn man sich wirklich einmal darauf einlässt, selbst ad absurdum. Denn der Raucher, der früher stirbt, als die Statistik es vorsieht, spart seiner Rentenversicherung ja zweifellos auch einen Haufen Geld. Das Gleiche gilt für den nicht angeschnallten Autofahrer, der im für die Allgemeinheit günstigsten Fall sofort hinüber ist, sagen wir, mit 50 Jahren, und dabei die Gemeinschaft der Versicherten, neben der Rente, sogar von den voraussichtlich immensen Kosten befreit, die er als 80- oder 90-Jähriger durch seine Alterskrankheiten verursacht hätte.

Der für die Staatskasse günstigste Lebenslauf, der finanzielle Idealfall also, wäre zweifellos der plötzliche Herztod kurz nach dem Erreichen des Rentenalters, ungefähr mit Mitte 60 – ein typisches Raucherschicksal, könnte man sagen.

Einerseits hören wir oft von der alternden Gesellschaft, die vielen Alten sind offenbar ein Problem . Gleichzeitig werden wir immer wieder dazu ermahnt, gesund zu leben, wir sollen Sport treiben, wir sollen nicht rauchen, wir sollen Gemüse essen. Wir sollen hundert werden. Das ist beinahe schon eine staatsbürgerliche Pflicht. Unser Körper gehört nicht mehr uns alleine, wir haben unseren Körper offenbar vom Staat großzügig zur Verfügung gestellt bekommen, und der Staat verlangt, dass wir mit dieser Leihgabe pfleglich umgehen.

Heute habe ich im Radio gehört, dass die 1,5-Liter-Behälter für Coca-Cola in den New Yorker Kinos verboten werden sollen. Die Leute sind zu dick. Ein deutscher Medizinprofessor wurde dazu vom Sender interviewt. Auf die Frage der Moderatorin, ob Erwachsene nicht selbst bestimmen können sollten, wie viel Cola sie im Kino trinken, antwortete der Professor: Der Mensch brauche Leitlinien, auch der erwachsene Mensch. Ich finde, das hätte der nordkoreanische Diktator Kim Il Sung nicht besser sagen können.

Je älter wir im Durchschnitt werden und je gesünder wir im Durchschnitt sind, desto mehr Sorgen macht man sich um unser Wohlergehen und desto größer wird der Druck, noch älter und noch gesünder zu werden. Die Sachwalter der Gesundheit sind wie geldgierige Manager – je mehr sie haben, desto mehr wollen sie.

Die Helmpflicht für Radfahrer gehört zu den Herzensanliegen des Verkehrsministers Peter Ramsauer. Die Gewerkschaft der Polizei geht noch ein bisschen weiter, sie fordert auch die Einführung von Kennzeichen, die an das Rad geschraubt werden und die Ermittlung von sogenannten Verkehrssündern erleichtern. Meiner Ansicht nach wird das kommen, beides, früher oder später. In Deutschland gibt es schätzungsweise 70 Millionen Fahrräder, auf denen jährlich etwa 400 Menschen zu Tode kommen. Sehr wahrscheinlich ließe sich die Zahl der Toten durch die Helmpflicht und die Gründung einer neuen Behörde, die den Radverkehr überwacht, senken.

Natürlich hat alles einen Preis. Der Preis für die Helmpflicht ist ein Verlust an individueller Freiheit. Die Entscheidung, ob man lieber angenehmer und riskanter fahren möchte oder weniger angenehm und weniger riskant, wird dem Individuum von seiner fürsorglichen Obrigkeit abgenommen. Freiheit und Risiko hängen nun einmal untrennbar zusammen. Egal welche Freiheit sich einer nimmt, egal was einer tut, er oder sie muss dafür immer den Preis des Risikos zahlen. Dem Bergsteiger droht der Absturz, dem Unternehmer droht die Pleite, dem Regisseur droht der Verriss. Die einzigen relativ sicheren Orte sind wahrscheinlich das Sanatorium und die Einzelzelle im Gefängnis.

Nein, es geht beim Rauchverbot auf bayerischen Seen nicht darum, der Allgemeinheit Geld zu sparen. Es geht um eine Idee: die Idee vom richtigen Leben. Es geht darum, angeblich richtiges Verhalten durchzusetzen. Es geht also, im weitesten Sinn, um Herrschaft.

Die Idee vom richtigen Leben und dem richtigen Verhalten ändert sich allerdings ständig. Das Wort "Tugend" ist etwa ab dem Jahr 1000 in Gebrauch, es stammt von dem Verb "taugen" ab. Seitdem variiert die Vorstellung davon, welche Eigenschaften darunter im Einzelnen zu verstehen sind. Die Kardinaltugenden heißen Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Mäßigung. Das klassische Bürgertum schätzte eher Eigenschaften als besonders tugendhaft, die sich in der Fabrik oder im Büro gut nutzen lassen, Pünktlichkeit, Fleiß, Reinlichkeit, daneben gibt es christliche, preußische und buddhistische Tugendkataloge, jeder, wie er es braucht oder mag.

Nur der Typus des Tugendwarts bleibt dabei gleich. In den sechziger Jahren kontrollierten gewisse Hausmeister und aufmerksame Nachbarn das Tun und Treiben im Wohnblock, und im Büro tuschelte man über den ledigen Kollegen, der angeblich schwul sei. Zum Ausgleich durfte geraucht und getrunken werden, was das Zeug hält, und eine Sekretärin, die sich über einen Klaps auf den Po beschwerte, galt als verklemmt. Von dieser versunkenen Welt, die eng war und kleinlich, handelt die erfolgreiche amerikanische Serie Mad Men , die Anfang der sechziger Jahre spielt.