Allerdings war es damals leichter als heute, sich zu verstecken, in einer Welt ohne allgegenwärtige Fotoapparate, ohne soziale Netzwerke, ohne Twitter, ohne YouTube und WikiLeaks. Und die Bereitschaft, wegzuschauen, war vielleicht sogar größer. Ein gutes Beispiel ist der erste Außenminister der Bundesrepublik, Heinrich von Brentano, CDU. Jeder aus dem engeren Kreis der Spitzenpolitiker wusste, dass er homosexuell war, auch Adenauer, der konservative und streng katholische Bundeskanzler. Brentano wahrte die Fassade, deshalb ließ man ihn in Ruhe – das ist die menschliche Seite der Doppelmoral, sie geht gnädig mit denen um, die sich bemühen, ihr unangepasstes Verhalten zu verstecken.

Heute gibt es diese Option fast nicht mehr.

In mancher Hinsicht ist die heutige Welt tatsächlich freier und angenehmer als die Welt der mad men. Es bedeutet in den Augen der Öffentlichkeit kein so großes Problem mehr, eine andere sexuelle Orientierung zu besitzen, wie man heute sagt, oder behindert zu sein oder ein aufsässiges Kind zu haben. Kinder werden zum Glück auch nicht mehr so oft verprügelt. Aber wenn das Kind eine Schlägerei auf dem Schulhof anfängt, ist es nicht mehr – wie früher – damit getan, dass die zerrissene Hose des Kameraden ersetzt wird. Das Kind muss jetzt zum Psychologen. Ein Rüpel wie der kleine Ludwig Thoma – der sich später als berühmter Schriftsteller in seinen bayerischen Lausbubengeschichten erinnerte, wie er als Bub einer Nachbarskatze Feuerwerkskörper an den Schwanz band – säße heute in der Jugendpsychiatrie, um dort von besorgten Therapeuten an die Normen der Gesellschaft herangeführt zu werden. Der Ehrgeiz der Moralwächter hat sich eben verlagert, auf neue Felder.

Von der Tugendrepublik handelt auch das Theaterstück Der Gott des Gemetzels, es ist kürzlich verfilmt worden. Die französische Autorin Yasmina Reza beschreibt die Begegnung zweier Elternpaare, wohlhabende Leute von heute. Die Kinder haben sich geprügelt, nun statten die Eltern des Täterkindes den Eltern des Opferkindes einen Besuch ab, um sich zu entschuldigen. In der Welt von Mad Men wäre man über die Prügelei vermutlich achselzuckend hinweggegangen. In einer Tugendrepublik wird alles in ein helles Licht gerückt, es wird nach Ursachen gesucht, bis man welche findet, es wird geredet, bis alles geklärt ist, nichts wird so leicht vergessen oder vergeben, und das wichtigste Bußritual ist die Entschuldigung, die bei einer öffentlichen Person natürlich eine öffentliche Entschuldigung sein muss. Erwartungsgemäß endet Der Gott des Gemetzels in gegenseitiger Demütigung und Selbstzerfleischung. Wenn über alles geredet wird, dann wird halt auch alles zerlegt.

Die Maßstäbe für richtiges und falsches Verhalten hat lange Zeit die Religion gesetzt. Das war überschaubar. Es gab einen Katalog von Sünden, es gab genau definierte Bußrituale, es gab auch die schöne Idee der Gnade und der Vergebung. Religion war ein Regelwerk zur Bearbeitung von Schuld. Seit die Mehrheit nicht mehr und höchstens pro forma religiös ist, wird das Gewicht einer Sünde vom Barometerstand der öffentlichen Meinung bestimmt, vom geschickten oder unbeholfenen Verhalten des Sünders, und an die Stelle der Gnade ist das Vergessen getreten; weil so viel auf sie einstürzt, vergessen die Leute schnell. Nur das Internet vergisst nichts. Die "Jugendsünde" ist deshalb vom Aussterben bedroht, ebenso wie das Recht, jung und dumm zu sein. Die Verfehlungen eines heute 16-Jährigen können ihm zwanzig Jahre später die Karriere zerstören. Wo Gott war, da ist jetzt eben Google.

Ein besonders bizarrer Vorfall hat sich vor ein paar Wochen in Hamburg ereignet: der Negerpuppen-Skandal. Die Autorin Sarah Kuttner, 33 Jahre alt, stellte einen Roman mit autobiografischem Hintergrund vor. In Wachstumsschmerz geht es um Dreißigjährige, die Schwierigkeiten damit haben, ihre Jugend hinter sich zu lassen und ins Lager der endgültig Erwachsenen überzuwechseln. Sarah Kuttners Protagonistin hat als Kind eine Negerpuppe besessen, ein Geschenk ihrer Eltern. Die Romanfigur wundert sich rückblickend über dieses rassistische Spielzeug mit seinen "prallen, aufgenähten Wurstlippen", sie wundert sich über ihren "unschuldigen Rassismus" von einst und kommt zu dem Schluss: "Undenkbar, dass so etwas heute noch verkauft würde."

Im Publikum sitzt ein dunkelhäutiger Mann. Er regt sich auf. Er fühlt sich rassistisch beleidigt. Er hört nur die Worte – Negerpuppe, Wurstlippen – und begreift in seiner Aufregung nicht, dass er gerade eine antirassistische Geschichte gehört hat. Er versteht nicht, dass man auch die Dinge, von denen man sich distanziert, erst einmal klar benennen muss und dass es in Texten immer auf den Zusammenhang ankommt. Es wäre ja auch unmöglich, über Nazipropaganda zu schreiben, ohne mithilfe von Zitaten klarzumachen, worum es sich dabei handelt. Das alles versteht der Mann nicht. Er geht nach der Lesung in Sarah Kuttners Garderobe. Die Autorin sagt ihm, dass sie dieses unangenehme Wort "Negerpuppe" verwendet habe, weil solche Puppen in ihrer Kindheit nun einmal existiert hätten und so genannt worden seien. Daraufhin ruft der Mann die Polizei. Zwei Polizisten erscheinen, während Kuttner signiert. Sie nehmen die Anzeige des Mannes auf. Es gibt ein Aktenzeichen.

In der Welt erscheint die Überschrift "Minderbemittelte" Kuttner faselt über "Negerpuppe" . Das Wort "minderbemittelt" ist ein Zitat. Kuttners ehemaliger Moderatorenkollege Mola Adebisi, er ist schwarz, nennt sie so. Kuttner habe sich auch früher schon rassistisch geäußert, in Witzen. Adebisi sagt: "Ich würde mich freuen, wenn sie mal Judenwitze machen würde, dann wäre ihre Karriere nämlich beendet." Auf Kuttners Facebook-Seite stehen bald darauf etwa tausend Hasskommentare. Böse sind immer die anderen, man selber darf eine Kollegin ohne Weiteres "minderbemittelt" nennen.

Die gemeinsame Eigenschaft aller Tugendwächter ist ihr gutes Gewissen. Und außerdem die Tatsache, dass sie im Netz anonym bleiben können. Es hilft ihnen, gewisse Hemmungen zu überwinden. Und wenn mehrere Tugendwächter zusammenkommen, entsteht der Mob.

Im Mai veröffentlichten Autoren in der ZEIT einen Aufruf zu einem aktuellen Thema, über das es verschiedene Meinungen gibt, zum Urheberrecht. Wenig später standen die Telefonnummern vieler Unterzeichner im Netz, sie wurden zur Belästigung und Beschimpfung freigegeben.

Im März wurde in der Stadt Emden ein elfjähriges Mädchen missbraucht und ermordet, die Polizei nahm einen Verdächtigen fest, 17 Jahre alt, Berufsschüler. Der Verdächtige stellte sich später, wie so mancher Verdächtige, als unschuldig heraus. Seine Verhaftung wurde allerdings beobachtet. Die Botschaft und die Identität des Jungen verbreiteten sich über Facebook und andere Soziale Netzwerke, bald darauf rotteten sich vor der Polizeiwache etwa fünfzig Personen zusammen, Männer und Frauen. Sie forderten die Herausgabe des Jungen, damit sie ihn lynchen könnten.

In den beiden Fällen geht es, auf den ersten Blick, nicht um Tugend, es geht beim Urheberrecht um einen politischen Streit und in Emden um ein Verbrechen. Beide Male spielte allerdings auch die totale Transparenz eine wichtige Rolle, der gläserne Mensch, in den wir uns nach Ansicht der Tugendwächter verwandeln sollen, einer, von dem die Allgemeinheit alles wissen muss, auch die Telefonnummer und, vor allem, das Vorstrafenregister. Die Allgemeinheit ist dabei gleichzeitig Ermittlungsbehörde, Richter und Vollstrecker.

Die Springer-Presse steht bei der Verteidigung der Tugend fast immer an vorderster Front. Bild ist ein Rollenmodell für viele Hasskommentare auf Facebook, weil Enthüllungen über berufliche Verfehlungen oder privates Ungeschick oft ein Nachspiel im Netz haben. Von dem Mainzer Medienwissenschaftler Hans Mathias Kepplinger stammt der Satz: "Die Bild- Zeitung ist eine der wichtigsten Quellen für moralische Urteile in der Bevölkerung." Aus einem Urteil des Berliner Landgerichts, in dem es um den Bild- Chefredakteur Kai Diekmann ging, stammt der Satz, dass dieses Blatt "bewusst seinen wirtschaftlichen Vorteil aus der Persönlichkeitsrechtsverletzung anderer sucht".

Kürzlich hat der Vorstandsvorsitzende des Hauses Springer, Mathias Döpfner, über die Tugendrepublik etwas sehr Richtiges gesagt: "Totale Transparenz ist totalitär. Ich vergesse nie eine Aussage von Mark Zuckerberg: ›Wer nichts zu verstecken hat, hat auch durch Transparenz nichts zu befürchten.‹ Ein fürchterlicher Satz, der hätte auch von der Stasi kommen können." Oder von Bild.