Manche witzeln bereits über die »Dogumenta«

Erika interessiert sich für Würste, Äste und zeitgenössische Kunst. Sie ist eine schwarze Labrador-Hündin aus Kassel . Mit Videokunst kann sie nichts anfangen, aber Performances und Klanginstallationen gefallen ihr.

Wieso das so ist, das kann ihre Halterin Frauke Ohnsmann-Bischoff, 40, erklären. Sie ist Tierärztin und bietet während der Documenta immer mittwochabends eine Führung über Hunde und Kunst an, die an der Orangerie startet. Ohnsmann-Bischoff gehört zu 170 Kasseler Bürgern, kunsthistorischen Laien, die sich in Führungen für Documenta-Besucher mit ihren »unkonventionellen Perspektiven« einbringen. Vermutlich ist genau das die Stärke der diesjährigen Documenta : Die Chefin Carolyn Christov-Bakargiev , 54, bringt Besucher mit Bürgern aus Kassel zusammen, Künstler mit Naturwissenschaftlern.

Mögen Hunde Kunst? Welche Kunstwerke auf der Documenta gefallen Hunden? Wie sähe Kunst aus, die Hunde produzieren? Hinter diesen Überlegungen steckt eine der ältesten Menschheitsfragen: Wie nehmen Tiere die Welt wahr, was denken sie?

Die Hunde-Führung von Frauke Ohnsmann-Bischoff und ihren drei Kollegen ist eine Herzensangelegenheit von Documenta-Chefin Christov-Bakargiev, die immer wieder die »anthropozentrische Weltsicht« kritisiert. Ein schöner Ansatz. Es sei wichtig, »eine Perspektive auf die Welt und das Leben zu gewinnen, die nicht nur vom menschlichen Standpunkt ausgeht«, sagt Christov-Bakargiev. Na, dann los.

Probeführung, drei Wochen vor der offiziellen Eröffnung. Frauke Ohnsmann-Bischoff und Erika, fast zwei Jahre alt, wandern an einem heißen Sonntagnachmittag im Mai einige Kunstwerke in der Karlsaue ab. Die Karlsaue ist ein Barockgarten, ein traditioneller Documenta-Ort, für den Dutzende Künstler eigens Kunstwerke anfertigen. Erika jagt mit glänzendem Fell über die Wiese: Hahnenfuß, lila Kleeblüten, Gänseblümchen, Pusteblumen, hellblaue Hortensien, überall keimt zarter, wunderbar grüner, dreiblättriger Klee! In der Mitte der Wiese eine mächtige Blutbuche, darunter ein mächtig verliebtes Pärchen.

Was finden Hunde schön? »Hunde sind soziale Raubtiere«, sagt die Tierärztin, »das Wichtigste für sie sind andere Hunde und Fressen.« Alles andere interessiert sie im Grunde nicht, Kunst inklusive. Höchstens wenn sie satt seien, könnten sie sich für andere Dinge begeistern, sagt Ohnsmann-Bischoff. Muße im menschlichen Sinn kennen Hunde nicht. Und das, was Menschen als ästhetisch oder schön empfinden, sehen Hunde nicht – beziehungsweise ganz anders. Hunde nehmen weniger mit den Augen wahr. Oft finden sie einen leuchtend roten Ball auf der grünen Wiese nicht, weil sie rotgrünblind sind und sich der Ball für sie nicht von der Wiese abhebt. »Sie sind zwar farbenblind, dafür haben sie Millionen Riechzellen«, sagt Ohnsmann-Bischoff.

Die Tierärztin hat eine Gürteltasche umgebunden, die mit Hundetatzen bedruckt ist. Darin verstaut sie Leckerli für Erika und Babypuder. Sie streut das Puder in die Luft, um zu zeigen, wie der Wind steht. Auf Erikas schwarzer Schnauze liegt jetzt feiner, weißer Staub. »Alle Gerüche, die aus dieser Windrichtung kommen, riecht Erika längst: Sie weiß, ob dort eine Pizza vergammelt, eine Leiche liegt oder ein Reh steht.« Frauke Ohnsmann-Bischoff wirkt ausgesprochen kompetent und reflektiert, sie ist schlagfertig und kann Anekdoten über Hunde und Kunst erzählen. Über den historischen Mops-Orden zum Beispiel, in dem der Mops als Symbol für Standfestigkeit hochgehalten wurde, der kuriose Aufnahmerituale pflegte und Novizen mit Halsbändern einführte. Genau richtig für Führungen von internationalem Sammler- und Kunstpublikum. Dennoch: Erika fiepst. Für sie ist der Vortrag uninteressant.