Mister Beam – Seite 1

Es gibt keine Pinsel. Keine Farben, keine Leinwand, kein Atelier. Da sind nur die Warnschilder: Vorsicht Laserstrahlung!, und in der Teeküche vier junge Männer mit Bärten. Sie haben mit Kreide Formeln an eine Tafel geschrieben, sie sprechen englisch, aber man versteht kein Wort. Dann kommt der Meister.

Ein Mann mit grauen Haaren und dem prächtigsten Bart von allen, Univ.-Prof. Dr. Dr. h. c. Anton Zeilinger, so steht es am Türschild. Er schreibt auch etwas an die Tafel, sie diskutieren. Dann holt sich Zeilinger einen Kaffee und geht zurück in sein Büro.

Vor ein paar Wochen noch hätte man mit ziemlicher Sicherheit sagen können, dass in dieser Teeküche in der Boltzmanngasse 3 in Wien Physik betrieben wird. Heute ist ungewiss, ob das wirklich schon alles ist. Die jungen Männer und ihr Professor werden jedenfalls in wenigen Tagen aufbrechen nach Kassel . Sie haben einen Lieferwagen gemietet, in den sie Labortische laden werden, bestückt mit Lasern, kleinen Spiegeln, Glasfaserkabeln, Messgeräten, alles festgezurrt, damit während der Fahrt nichts kaputtgeht. In einem Raum des Fridericianums werden sie alles aufstellen. An dem Ort, wo einst die Werke von Picasso gezeigt wurden, wo Joseph Beuys 7.000 Eichen pflanzte, wo zuletzt Ai Weiwei den Besuch von 1001 Chinesen dokumentierte – dort treffen dann Wissenschaft und Kunstwelt aufeinander. Kann das gut gehen?

Hier in Wien hat es dabei schon mal gekracht. Vor gut 120 Jahren sollte Gustav Klimt für die Aula der Universität drei Bilder malen, Allegorien auf die Philosophie, die Medizin und die Jurisprudenz. Klimt lieferte – und die Gelehrten waren schockiert. Zu viele Nackte, zu düster, wissenschaftspessimistisch! 87 Professoren unterschrieben eine Petition an das Ministerium, die Bilder nicht aufzuhängen – mit Erfolg. Aber das ist lange her. Und diesmal kommen die Physiker zu den Künstlern.

Über die Documenta-Chefin Carolyn Christov-Bakargiev haben Kunstkritiker geschrieben, ihre Thesen seien esoterisch angehaucht. Anton Zeilinger wiederum zieht Esoteriker an wie das Licht die Motten, "Quantenheiler" oder "Quantenmediziner" berufen sich auf ihn. "Es tut mir leid", sagt Zeilinger, "ich kann nichts dagegen tun." Auf der Documenta wird er seine Forschung gegen solche Deutungsversuche verteidigen.

Fast wäre es nicht so weit gekommen. Bitte abwimmeln, hatte Anton Zeilinger seine Sekretärin gebeten, als eine Mitarbeiterin von Christov-Bakargiev den Physiker sprechen wollte. Es ist nicht so, dass er keine Künstler mag, im Gegenteil. Zeilinger hat viele Künstler-Freunde, unter anderem im Orden Pour le Mérite , einem exklusiven Intellektuellenzirkel mit preußischer Tradition. Aber er bekommt ständig Anfragen, er ist Österreichs bekanntester Physiker. "Wenn ich allen nachkommen würde", sagt Zeilinger, "würde ich keine Physik mehr machen." Abwimmeln also, doch die Frau von der Documenta blieb hartnäckig. Und dann kamen sie, Carolyn Christov-Bakargiev und ihre Kuratorin Chus Martinez, zum Physiker in den Urlaubsort am Traunsee. "Wir diskutierten den ganzen Tag über philosophische Fragen", erzählt Zeilinger. Über Raum und Zeit und Kausalität und die Dinge hinter den Erscheinungen, über das Verhältnis von Kunst und Wissenschaft. Die klugen Frauen reisten ab, kurz darauf fragten sie an, ob er als Berater bei der Documenta mitmachen und auch eigene Experimente zeigen wolle. Zeilinger wollte.

Bald nach dem Treffen am Traunsee präsentierte Christov-Bakargiev ihr Beraterteam auf einer Pressekonferenz in Berlin , neben Zeilinger gehören ein Anthropologe, ein Mikrobiologe, ein Denkmalpfleger und sieben andere Intellektuelle dazu. Zeilinger sagte damals auf dem Podium, Kunst und Wissenschaft würden gleichermaßen über Phänomene wie Raum, Zeit und Realität rätseln. Den Medien gefiel das. Zeilinger hat auch schon mal ein Foto der Venus von Willendorf, einer großbusigen Steinzeitfigur, mit Tricks aus der Quantenphysik digital verschlüsselt und wie eine geheime Nachricht durch eine 360 Meter lange Glasfaser geschickt – um das Prinzip der "Quantenkryptografie" zu demonstrieren; ein andermal hat er die Eigenschaften eines Lichtteilchens wie von Geisterhand auf ein anderes übertragen, dafür wurde er "Mr. Beam" (von "beamen") getauft. Und er hat den Dalai Lama durch sein Labor geführt, auch das gefiel den Medien. 

Wollen die Künstler ihn als Aushängeschild benutzen? Oder will er die Documenta benutzen, um für die Wissenschaft zu werben? Zeilinger sitzt in seinem Bürosessel und runzelt die Stirn. Er mag diese Journalisten-Fragen nicht, das Schubladendenken, Physiker hier, Künstler dort, das Herbeischreiben von Konflikten. Er mag interessante Menschen und Diskussionen. In ein paar Tagen trifft er den Dalai Lama erneut, auf einem Symposium in Wien. Mit dem könne man knallharte wissenschaftliche Diskussionen führen, sagt er. Auch unter den Katholiken gebe es viele Leute, mit denen man offen diskutieren könne. Und dass Christov-Bakargiev angeblich esoterische Ansichten habe – alles Schubladen.

Die Besucher werden richtige Physik sehen

Wissenschaftler und Künstler hätten vieles miteinander gemein, sagt Zeilinger: "Intuition und Kreativität sind ihre wichtigsten Werkzeuge, es geht um neue Zugänge für die Untersuchung der Wirklichkeit." Aber in einem Punkt scheiden sich die Geister: Naturwissenschaft verlange Überprüfbarkeit. Und sie habe einen Wahrheitsanspruch. "Wir sagen Dinge über die Welt aus, die stimmen einfach." Allerdings, wenn sich Widersprüche ergeben, werfen die Forscher ihr Weltbild auch schon mal über den Haufen. So war es mit der Quantentheorie, die vor hundert Jahren die Physik umkrempelte. Im Reich der Atome gab es der neuen Theorie zufolge Ereignisse, für die man keine Ursache angeben konnte, nur Wahrscheinlichkeiten. Diese Beobachtung erschütterte das deterministische Weltbild der klassischen Physik. Zeilingers Experimente auf der Documenta sollen einen Eindruck davon vermitteln.

Anfangs wollten die Wiener Physiker auf der Documenta sogar richtig forschen. Die Doktoranden in der Teeküche schwärmen noch heute von dieser Idee. "Wäre schon geil", sagt der eine, "wenn wir irgendeine inequality dort messen könnten, die eine Form von Realismus abschießen würde."

Vielleicht ist das der Grund, warum die Physiker eingeladen wurden. Eine Form von Realismus abschießen! Wer kann das schon?

Wahrscheinlich geht das aber nun doch nicht, weil man Formen von Realismus am besten im dunklen Labor abschießen kann: In Zeilingers Experimenten werden meistens mit hochempfindlichen Sensoren einzelne Lichtteilchen gemessen, das funktioniert in den lichtdurchfluteten Ausstellungsräumen nicht.

Nun werden die Besucher eine abgespeckte Version der Laborexperimente sehen, aber immer noch richtige Physik, keinen pädagogisch wertvollen Spielkram wie im Science Museum. "Wir werden Blut und Wasser schwitzen", sagt ein Mitarbeiter. Es kann Tage dauern, die Laser und Glasfasern so zu justieren, dass alles passt.

Was genau machen die Zeilingers nun? Sie verzaubern Lichtteilchen. "Verschränken", sagen sie dazu, und Professor Zeilinger erklärt in einem Documenta-Video auf YouTube , was das heißt. Verschränkte Lichtteilchen können Hunderte Kilometer weit voneinander entfernt sein. Und trotzdem: Wenn man an dem einen eine Messung vornimmt, tut sich sofort etwas an dem anderen. Die beiden sind auf eine Weise miteinander verbunden, die der Verstand nicht erfasst. Dass der Aufbau der Messgeräte am Ende das Ergebnis beeinflusst, ist noch so eine Unverschämtheit der Quantenphysik. Und dass Teilchen sich manchmal wie Wellen verhalten, auch. 

Manche Physiker glauben sogar, aus der Quantenphysik ließe sich die Existenz von Paralleluniversen ableiten, aber das geht dem Wiener Professor zu weit. Aus den Experimenten folgt das jedenfalls nicht. Zeilinger wünscht sich nun "einen modernen Kant", der etwas Ordnung in die Grundbegriffe bringt.

Vielleicht kommt ja auf der Documenta einer vorbei. Es würde Zeilinger aber auch schon reichen, wenn jemand die Experimente betrachtet und am Ende mehr von der Physik wissen will. "Dann hätten wir unseren Zweck erfüllt."