Ein Ruhestörer ist laut der berühmt gewordenen Definition Ludwig Börnes jemand, "der die Bettdecke von der schlummernden Wahrheit wegzieht". Der Historiker Götz Aly ist zweifellos so ein Ruhestörer. Aber was ist das für eine Wahrheit, die Aly mit einem Ruck an die Taghelle des Bewusstseins beförderte, und wo war der Ruheraum, in dem sie so süß geschlafen hatte? Die Wahrheit, die er mit seinen Büchern über die NS-Zeit in immer neuen Anläufen aus ihrem Plumeau zu scheuchen trachtete und die dann, als sie nackt und bloß lag, auch sofort zu zappeln und zu schreien begann, ist keine Wahrheit über die NS-Zeit – die hat er auch geliefert –, es ist vor allem eine Wahrheit über unsere Zeit, und sie lautet: Es gab keine Stunde null. Es gab den Bruch nicht, der die deutschen Nachkriegsstaaten durch alle Fasern von der verbrecherischen Struktur, den Denk- und Lebensweisen des Hitlerreiches getrennt hätte. Es gab den Bruch nicht im politischen Personal, was in Umrissen bekannt war, aber in seiner Tragweite meist übersehen wurde. Es gab jedoch vor allem den Bruch in der Gesellschaft nicht, nicht in ihren Idealen, Vorstellungen und Sehnsüchten.

Gewiss, der Antisemitismus, der brach zusammen, jedenfalls in seinen öffentlich möglichen Äußerungen. Es brachen auch die Kriegslust, der Militarismus, nach langen Zuckungen auch der autoritäre Geist zusammen. Was nicht zusammenbrach, war die Idee der Volksgemeinschaft – der egalitäre Grundzug, der den Nationalsozialismus in seinem Wortsinn dem Sozialismus näher brachte, als viele später wahrhaben wollten.

Götz Aly hat es vielleicht nicht als Erster gesehen, aber als Erster mit Quellen über Quellen auf den dialektischen Punkt gebracht: Der Rassenkampf konnte den Klassenkampf ruhigstellen. Der Rassismus gegenüber Juden, Slawen und wer sonst noch als "Untermensch" und "Volksschädling" galt, erlaubte die soziale Integration der deutschen "Volksgenossen". Dramatisierung des herrenhaften Auftritts nach außen – und im Innern Abbau der Klassenschranken. Das emanzipatorische Ideal, wonach nicht Herkunft und Geburt, sondern allein die Leistung zählen müsse: Das hat nicht die Bundesrepublik mit ihrer gefeierten Sozialpolitik mühsam durchgesetzt, das haben die Nazis mit größter Brutalität schon vorexerziert – nur eben unter Ausschluss der Juden. Für alle übrigen Deutschen unter Hitler galt: Die hierarchische Durchlässigkeit, die soziale Aufstiegsmobilität, der Elitenwechsel, alles, was man noch heute so will und, wenn es ausbleibt, so bitter beklagt – das haben die Nazis mit durchschlagendem Erfolg geschafft.

Wieder ans Licht gebracht hat Aly, was aus den Erinnerungen vieler Zeitgenossen noch eine Zeit lang gesprochen hatte, dann aber verdrängt wurde: den bolschewistischen Grundzug der NS-Zeit. Es gab die Erzählungen von den Demütigungen, denen die bürgerliche Jugend im Arbeitsdienst ausgesetzt war, es gab vergleichbare Erzählungen aus Behörden, in denen plötzlich ein SA-Mann seine glänzenden Stiefel höhnisch lächelnd auf den Tisch legte und die neuen, nationalen Zeiten als zunächst mal proletarische definierte. Es gab die Erzählungen auch aus HJ und BDM, die erklärtermaßen dem Abbau von Klassenschranken dienten, aber HJ und BDM waren in einem eng gezogenen Rahmen freiwillig – und deshalb war auch die Demütigung der Bürgerlichen dort eine frei gewählte. Es gab aber auch die Erzählungen von dumpfem Bildungshass. In diesem Affekt, der alles Intellektuelle unter den Verdacht des Volksfremden stellte, schlug der Antisemitismus ein kleines giftiges Brückchen mitten ins mitgehasste Bürgertum hinein – ganz im Sinne jenes Bonmots von Hermann Bahr: "Sagt jemand in Gesellschaft etwas Intelligentes, denken alle gleich, er sei ein Jude."

Aber sonderbar – irgendwann verschwanden die Erzählungen vom bolschewistischen Zug der Nazis wieder. Vielleicht wurden sie den bürgerlichen Deutschen peinlich, weil sie nach und nach das Ausmaß ihrer feigen Duldung, ihrer Anpassung und ihres dann doch Mitmachens begriffen. Aber sollte man noch einmal fragen, warum so viele, die nach Herkunft, Erziehung und Bildung das Gesindel der Nazis verabscheuten, sich schließlich absorbieren ließen, dann wird man sich der Einschüchterungsmittel der Volksgemeinschaftsideologie erinnern müssen. Als Entschuldigung wird es nicht dienen; aber wahrscheinlich kann man sagen, dass sich die Bürgerlichen, anders als Arbeiter und Kleinbürger, die sich vom Nationalsozialismus Aufstieg und Aufwertung versprechen konnten, vor Abstieg und Abwertung fürchteten und schon aus Feigheit kollaborierten. Und was ist mit jenen, die weit darüber hinausgingen und sich in Partei und Staat und SS für höchste Ämter andienten? Wenn sie nicht fanatische Nationalisten oder Antisemiten waren, wird auch für sie das Motiv der Furcht und Feigheit vermutet werden können, nun im Sinne des Lichtenbergschen Aphorismus: "Die Fliege, die nicht geklappt werden will, setzt sich am besten auf die Klappe selbst."

Das sind nur einige der Pointen, die Götz Alys Forschungen freisetzen. Sie erzählen weniger von Fanatismus und Ideologie, von Führercharisma und satanischen Propagandawirkungen, sie erzählen von Sozialpolitik, von Steuer- und Finanzpolitik und ihrer Fernwirkung bis in die Kapillaren des gesellschaftlichen Körpers hinein. Sie brauchen keine Metaphysik des Bösen, ihnen reichen die nicht minder satanischen Resultate einer pragmatischen Politik des Neides, die den Hass auf alles Höhere freisetzt.

Dass die Erzählung vom bolschewistischen Klassenkampfcharakter der NS-Zeit bald wieder verschwand, liegt freilich auch daran, dass sie in dem Rechts-links-Schema stören musste, das sich in der Nachkriegszeit etablierte. Der Nationalsozialismus wurde auf der rechten Seite fixiert, seine linken Elemente nach und nach aus dem historischen Gedächtnis eliminiert. Das war auch bitter nötig, weil die beiden deutschen Nachkriegsstaaten, beide auf ihre Weise, den kleinen Mann, den schon die Nazis gepäppelt hatten, wieder zum Hauptadressaten ihrer Politik machten. Dem Arbeiter, der Hitler gewählt hatte, schenkten die Sowjets zur Belohnung im Osten einen eigenen Staat. Die Bundesrepublik im Westen setzte im Rahmen der Marktwirtschaft die Sozialpolitik der Nazis fort. Götz Aly erinnert gerne an die Fülle der Gesetze und Verordnungen, vom Mieterschutz über unsere Steuerklassen, Familienförderung, Rentenhöhe, Arbeitsrecht bis in die Details der Abgabenbefreiung von Überstundenzuschlägen, die als selbstverständliche Errungenschaften übernommen wurden – jede sicher zu Recht, zumal jede einzelne soziale Maßnahme und alle zusammen auch als Fortsetzung der sozialdemokratischen Politik zu Weimarer Zeiten gelten konnten, wenn nicht gar bis auf die Kaiserzeit zurückgingen. Indes bleibt die bittere Pille zu schlucken, dass sich ihre Durchsetzung den Nazis verdankt und dass deren Staat insofern keine Unterbrechung, sondern die Konstante der deutschen Politik darstellt.