Eine Partei flieht vor einer Nachricht. Was die Linke am Wochenende mit der Wahl ihres neuen Parteivorstands in Göttingen erlebt hat, war kein Neuanfang. Es war der verzweifelte Versuch, nicht zu sehen, was doch vor aller Augen liegt: Die gesamtdeutsche Linke gibt es nicht länger. Was 2007 in Dortmund beschlossen wurde, als die westdeutsche WASG und die ostdeutsche PDS fusionierten, ist gescheitert.

Wenn es dafür noch eines Beweises bedurft hätte, dann war es das Singen der Internationalen durch die Westlinken, als der ostdeutsche Reformer Dietmar Bartsch dem Stuttgarter Gewerkschaftsführer Bernd Riexinger bei den Wahlen zum Parteivorstand unterlag. Dieser Triumph über den innerparteilichen Feind konnte allerdings nur zustande kommen, weil der Delegiertenschlüssel die Westdeutschen begünstigt. Ginge es nach der tatsächlichen Stärke der Landesverbände – und Sachsen hat die meisten Mitglieder –, dann wäre Dietmar Bartsch jetzt Chef der Linkspartei . Bisher hatten die Ostdeutschen nicht das Rückgrat, auf der Korrektur dieser Schieflage zu bestehen.

Nicht einmal Joschka Fischer hätte eine solche Rede gehalten

Es ist nicht zuletzt diese defensive Art der ostdeutschen Reformer, die den Zusammenhalt der Linkspartei bisher ermöglichte. Man fühlte sich als Verlierer der Geschichte nicht nur, weil man aus den Ruinen der SED hervorgegangen ist. Viele Funktionäre der PDS gehörten in der DDR zur gehobenen Klasse und standen den hemdsärmeligen Gewerkschaftsfunktionären aus dem Westen mit dem schlechten Gewissen der Privilegierten gegenüber. Es ist kein Zufall, dass der Fraktionsvorsitzende Gregor Gysi in seiner Rede das Verhalten der westdeutschen Linken bei der Vereinigung mit dem der alten Bundesländer gegenüber den neuen nach dem Fall der Mauer verglich.

Die Rede Gysis war die eigentliche Sensation des Parteitags. Noch nie in der Geschichte der Bundesrepublik hat der Fraktionschef einer im Bundestag vertretenen Partei dermaßen offen und ehrlich über die Lage seiner Truppe gesprochen. Blanker Hass herrsche zwischen den verfeindeten Lagern. Wenn sich das nicht ändere, so Gysi unverblümt, dann solle man lieber auseinandergehen. »Ich bin es leid«, sagte er.

Niemand, nicht einmal Joschka Fischer , war je zu einer solchen Schonungslosigkeit im Umgang mit den eigenen Verwerfungen in der Lage. Aber Gysis Rede diente nicht dem Machterhalt, wie jetzt gelegentlich behauptet wird – wie sollte sie, schließlich fällt der Krieg in der Fraktion vor allem auf ihren Vorsitzenden zurück. Nein, da sprach die schiere Verzweiflung, der Ruf nach einem Ende des Schreckens.