Bei den Kritikern an der flüssigen Demokratie lässt sich zwischen den Zeilen stets ein und dieselbe Grundhaltung herauslesen: dass die Piraten in eine Welt eindringen wollen, die doch eigentlich ganz gut so ist, wie sie ist. So klingt es auch bei Boris Palmer an, der in der vorvergangenen Woche (ZEIT Nr. 22/12) behauptete, wir Piraten würden die Demokratie bedrohen. Meist berufen sich die Kritiker auf große Begriffe wie Verantwortlichkeit und Verlässlichkeit und entlarven so eine neue konservative Haltung, die sich wohl unter einem flapsigen "Was habt ihr denn?" zusammenfassen lässt.

Vergessen die Politik-, nein! Parteienverdrossenheit; die Tatsache, dass unsere politischen Repräsentanten aufgrund niedriger Wahlbeteiligung nur noch von gesellschaftlichen Minderheiten legitimiert sind; vergessen die weltweiten Proteste der 99 Prozent im Großen, der württembergischen Wutbürger im Kleinen; vergessen die Probleme von Lobbyismus, Korruption und mangelnder Transparenz in der Politik, vergessen die Angststarre der Politiker angesichts der eigenen Machtlosigkeit. Frei nach dem Motto: Ist doch alles gut so, wie es ist!

Ein bisschen gleicht das dem gymnasialen Frontalunterricht, wo der störenden, aber begabten Schülerin erklärt wird, dass sie sich setzen und still sein solle, als sie bestehende Strukturen hinterfragt. Doch zu hinterfragen tut not. Besonders, wenn es um Verfahren für demokratische Entscheidungen geht. Wer das nicht will, offenbart sein Unverständnis gegenüber einer Welt, die längst nicht mehr wie die alte Bundesrepublik mit ihren klaren Zuständigkeiten und einfachen Lösungen funktioniert.

Wer glaubt, dass unser politischer Betrieb noch immer von Verlässlichkeit und Vertrauen geprägt ist, der verklärt den derzeitigen Zustand unserer repräsentativen Demokratie. Entscheidungen im kleinen Kreis und unter Ausschluss der Öffentlichkeit simulieren die Repräsentation bloß. Wenn über den hochkomplexen Fiskalpakt 620 Abgeordnete des Bundestages beraten, dann machen sie gerade mal 0,0008 Prozent der deutschen Bevölkerung aus. Da viele von ihnen die Materie selbst nicht durchdringen, brauchen sie Berater und Hilfe. Am Ende wird nicht klar, wer die Entscheidung eigentlich getroffen hat. Notwendig wäre, Experten in den Prozess einzubinden, die jedoch selbst legitimiert und deren Handlungen und möglicherweise entscheidende Einflussnahme dokumentiert sind. Und das geht nur in einer fließenden Repräsentationsform.

Unberechenbar ist diese Form der Entscheidungsfindung nur insofern, als dass man ein Ergebnis nicht vorhersagen kann – dafür steigt die Legitimation des gesamten Prozesses. Der Ablauf ist für alle nachvollziehbar, und durch die Beteiligung der Basis steigt das Interesse und die Bereitschaft, das Ergebnis zu akzeptieren. Dadurch nimmt am Ende auch das Vertrauen in den Betrieb insgesamt zu. Palmers Behauptung, dass Liquid Democracy schwierig sei, weil sich eine Position täglich ändern könnte, zeugt von einem grundlegenden Missverständnis gegenüber demokratischen Prozessen.

Wir Piraten wollen, dass möglichst viele Menschen an Debatten und Entscheidungen beteiligt sind, und nicht, dass Entscheidungen jede Woche neu getroffen werden. Die Form prägt den Inhalt, die Legitimation kommt mit der Akzeptanz des Verfahrens. Sei es nun die Geschäftsordnung des Landesschiedsgerichts oder die Art, wie das Wahlprogramm zur Bundestagswahl 2013 entsteht. Dabei bleiben wir unserem Remixprinzip treu: Was sich bewährt hat, soll genutzt und mit anderen Prozessen kombiniert werden, die sich als sinnvoll herausgestellt haben. Wir wollen verschiedene Standpunkte und Interessen abbilden, wir wollen möglichst alle einbeziehen. Und wenn am Ende eines durchaus anstrengenden und langwierigen Diskurses eine Entscheidung steht, dann ist diese auch Konsens, sodass die Piraten letztlich eigentlich ziemlich berechenbar sind – denn ihre Entscheidungen sind weniger flüssig als die in Parteien, in denen nur wenige entscheiden. Am willkürlichen Umgang mit dem Koalitionsvertrag der jetzigen Regierung kann man das deutlich sehen.

Fließende Demokratie heißt konkret, dass auf einer virtuellen Plattform eine Debatte geführt, strukturiert und gleichzeitig eine Mehrheitsentscheidung getroffen wird; alle können immer und nie entscheiden. Durch den (theoretisch) barrierefreien Zugang zu inhaltlichen Entscheidungen können sich mehr Menschen einbringen – Verantwortung kann so auf mehr Köpfe verteilt werden, jede Stimme gehört und bewertet werden. Dass ist wichtig, denn Verantwortung zu teilen bedeutet, Macht zu teilen. Politikern kann das Angst machen. Boris Palmer kaschiert diese Angst mit der Warnung, dass Menschen von zu viel Politik überfordert seien und man sie quasi schützen müsse vor den Piraten-Horden ohne Inhalt, die zu einem erbarmungslosen Demokratiemarathon den Takt peitschen wollen.