DIE ZEIT: Herr Claussen, welchen Umständen schreiben Sie es zu, dass Sie hundert Jahre alt sind?

Georg W. Claussen: Vor allem dem Schwimmen. Ich gehe täglich morgens in mein Schwimmbad draußen. Ich habe eine strikte Disziplin bei allem. Leider war der vergangene Winter sehr kalt. Bis zu einer Außentemperatur von minus vier Grad bin ich hineingegangen, dann nicht mehr. Im Moment muss ich mich etwas schonen, ich war gesundheitlich sehr angeschlagen. Meine Familie war sehr besorgt.

ZEIT: Sie haben eine große Familie?

Claussen: Vier Kinder und zwölf Enkel. Als ich im Krankenhaus lag, wurden meine Kinder zusammengerufen. Ich selbst habe davon gar nichts mitbekommen, man hat es mir erst im Nachhinein berichtet. Aber ich habe mich fabelhaft erholt. Ich habe keine Schmerzen, kann gehen, meine Arme bewegen und auf meinem Trainingsgerät sogar Rad fahren.

ZEIT: Hundert Jahre und keinerlei gesundheitliche Einschränkungen?

Claussen: Die Arme kann ich nicht sehr weit strecken, da mache ich eine Physiotherapie. Auch mit meinen Augen bin ich nicht zufrieden und muss alles mögliche sprayen. Aber ich mache das alles. Manche werden sagen: Der ist verrückt, der soll sich lieber ruhig in seinem Sessel zurücklehnen. Aber so bin ich nicht, ich mache Pläne. Ich will dieses Jahr wieder zu den Festspielen nach Salzburg.

ZEIT: Waren Sie immer so robust und gesund?

Claussen: Im Gegenteil, als Kind und als junger Mann war ich ein Schwächling.

ZEIT: Das ist eine ungewöhnliche und ungeschminkte Antwort.

Claussen: Nach der Machtergreifung Adolf Hitlers bekam ich eine fürchterliche Schilddrüsengeschichte. In drei Monaten nahm ich sechzehn Kilo ab. Ich war nicht mehr fähig, irgendeine Arbeit auszuüben.

ZEIT: Sehen Sie einen Zusammenhang zwischen dem politischen Unglück und Ihrer Krankheit?

Claussen: Ja, ich hatte Hitlers Mein Kampf gelesen. Da stand ja, dass er die Juden vernichten wollte. Das war mir gegenwärtig, ich dachte: Um Gottes willen, was kommt nun?