Kein anderes Blatt hat die absonderliche Story aufgegriffen, die der Sonntags-FAZ immerhin die Seite eins wert war: Buchhandel kuscht vor WWF: Kritisches Buch vom Markt verschwunden. Sonst reagiert unser Gewerbe höchst sensibel, wenn "Zensur" hochwabert. Ob diesmal der niedliche Panda, das Wahrzeichen des World Wide Fund For Nature, für Milde gesorgt hat? Oder die ehrenwerte Mission des WWF, der für Delfine, Tiger und Regenwälder, also für das Gute ficht?

Das Wörtchen "kuschen" bleibt trotzdem in der Luft. Die Anwälte des WWF sind bei den großen Buchhändlern wie Libri und Amazon vorstellig geworden, um die Auslieferung des Schwarzbuchs WWF zu stoppen, weil es "falsche Tatsachen" enthalte. Freilich will das Kölner Landgericht erst in der Verhandlung am 15. Juni entscheiden. Das Buch bleibe vorerst erlaubt, berichtet die FAS , sei aber "praktisch vom Markt verschwunden".

Streitereien über Unterlassung und Widerruf sind das tägliche Brot der Gerichte. Es gilt, was der Rechtsstaat entscheidet. Doch im Fall des Autors Wilfried Huismann hat die Kölner Instanz noch nicht geurteilt. Folglich ist das Problem der vorauseilende Gehorsam der Auslieferer. Pikanterweise gibt der WWF das auf seiner Website selber zu: "Die Entscheidung, das Buch bis auf Weiteres nicht weiter zu verbreiten, liegt beim Verbreiter."

Etwas holprig, aber doch richtig. Und falsch im Sinne der größeren Sache, die sich in solch sonoren Formeln wie "Freiheit des Wortes" und "Eine Zensur findet nicht statt" (Art. 5 GG) niederschlägt. Über "Selbstzensur" haben die Verfasser nach Adolf Nazi verständlicherweise nicht nachgedacht. In einer freiheitlichen Demokratie aber ist das Problem nicht die Gestapo, sondern was sie sich selbst antut – und zwar vorwegnehmend.

Die Causa WWF ist denn auch nichts Neues. Vor sechs Jahren nahm die Deutsche Oper Mozarts Idomeneo aus dem Programm – wegen "ernst zu nehmender Hinweise" auf islamistische Gewalt. Vor drei Jahren lud die Frankfurter Buchmesse zwei chinesische Dissidenten aus, weil sie – das mächtige China im Blick – ein "größeres Debakel" verhindern wollte. Das Wegducken ist nicht nur ein deutsches Problem. Ebenfalls vor drei Jahren knickte die ehrwürdige Yale University Press ein. Das Buch The Cartoons That Shook the World , eine Abhandlung über die Mohammed-Karikaturen der dänischen Jyllands-Posten, erschien ohne dieselben. Man wolle "sich nichts zuschulden kommen lassen" – als wenn die Cartoons gemordet hätten, und nicht die Attentäter quer durch die islamische Welt.

Früher haben Metternichs Geheimpolizei, NKWD und Gestapo die Freiheit vernichtet, heute bedrohen wir sie selber – im Kleinen wie in der Causa WWF und im Größeren wie bei Idomeneo und Yale. Über "falsche Tatsachen" wird das Kölner Gericht entscheiden, aber wer hindert Buchhändler und Verlage daran, schon mal vorsorglich die weiße Fahne zu hissen? Es geht nicht um diese Oper oder jenes Buch, sondern um die Freiheit von Wort und Kunst, das kostbarste Gut der liberalen Demokratie – in Jahrhunderten erkämpft gegen König und Kirche. Viele kleine Kapitulationen summieren sich zur ganz großen.