Fluchtartig verließ er Genf, da war er gerade 16 Jahre alt. Danach betrat er kaum jemals mehr die Stadt, in der er am 28. Juni 1712 als Sohn des Genfer Uhrmachers Isaac Rousseau und dessen Ehefrau Suzanne Bernard geboren worden war. Er lebte und arbeitete in Lyon, in Venedig und immer wieder in Paris, er durchwanderte Europa von 1728 bis zu seiner Rückkehr aus England 1767. Zu seinem 300. Geburtstag aber ist Jean-Jacques Rousseau, zumindest in seiner alten Heimat, wieder ganz und gar ein Schweizer. In der Stadtbücherei der einstmals stolzen République Genève am Lac Léman finden sich die Werke des Philosophen, Pädagogen und Schriftstellers im Regal »littérature suisse (écrits divers)« unter dem Sigle »CH Rous« eingereiht – zwischen den Büchern von Max Frisch, Friedrich Glauser und Albert Cohen.

Bereits im Frühling dieses Jahres versammelte sich die Genfer Honoratiorenschaft gemeinsam mit Vertretern des Kantons und des eidgenössischen Bundesrats vor dem Rousseau-Denkmal auf der kleinen Rousseau-Insel am Ausfluss der Rhône, um, vor Kälte zitternd, das Jubiläumsjahr einzuläuten. Dieser Tage nun wird die ganze Stadt ihren Jean-Jacques feiern – ein Jahrhundertfest »pour tous«, für alle, soll es werden. In Paris hingegen findet das Jubiläum nur wenig Beachtung. Als dort im Frühjahr die Ausstellung Rousseau et la Révolution in der Nationalversammlung eröffnet wurde, ließ sich Sarkozys Kulturminister Frédéric Mitterand entschuldigen. Und auch im sozialdemokratischen Wahlkampf François Hollandes spielte der einstige Held der Revolutionäre von 1789 keine Rolle.

»Natürlich profitieren wir davon, dass sich Frankreich zum tricentenaire weitgehend tot stellt«, sagt der Leiter des Genfer Festjahrs François Jacob. Aber dies habe schließlich auch eine gewisse Berechtigung: »Nach den ideologischen Auseinandersetzungen um Rousseaus Schriften und Ideen im 20. Jahrhundert beginnt man derzeit wieder Philologie zu betreiben und vorurteilsfrei über die Ursprünge seiner Philosophie nachzudenken. Wo aber wären diese Ursprünge zu finden, wenn nicht in Genf!«

Tatsächlich hat sich das Interesse an Rousseau in diesem Jubeljahr gen Osten verschoben. Natürlich gibt es auch in dem von Rousseau so geliebten Städtchen Montmorency nahe Paris ein Kolloquium, natürlich debattiert man auch im fernen Greifswald oder in São Paulo; in New York dachte man im März gar unter dem markigen Titel »Occupy Rousseau« über die Aktualität seiner Ideen nach. Genf aber ist in diesem Jahr unbestritten die Hauptstadt des Geschehens. Schon im November 2011 titelte die renommierte Genfer Tageszeitung Le Temps: »Hilf, Rousseau!« Der Philosoph möge die Mauern des Pantheons durchbrechen, um den Griechen gegen das demokratievergessene Gespann Merkozy und die Arroganz der Eurokratie zur Hilfe zu eilen. Denn dass diese dem griechischen Volk sein Mandat streitig machten, über seine europäische Zukunft selbst zu entscheiden, rührte am direktdemokratischen Selbstverständnis der Eidgenossen, die hierin die wichtigste politische Erbschaft ihres berühmten Sohnes sehen. So wird Jean-Jacques zu seinem Geburtstag konsequent provinzialisiert: Als Kosmopolit interessiert er nicht. Im Mittelpunkt steht der Vordenker jener überschaubaren europäischen Demokratien von Korsika bis Polen, für die er Verfassungen schrieb und für die es eigentlich nur ein einziges Vorbild gab: die mythenumwobene Republik Genf!

Bereits 1536, in der Zeit der Reformation, war sie ausgerufen worden, zu Beginn des 18. Jahrhunderts hatte sie immer wieder Volksaufstände gegen die Herrschaft des Patriziats erlebt. Am Modell dieses Stadtstaates habe der Aufklärer seine Vorstellung von den kleinen sozialen und politischen Einheiten als Grundlage für jeden vernünftigen Gesellschaftsvertrag entwickelt, sagt der Hausphilosoph des Genfer tricentenaire Martin Rueff, der als Nachfolger Jean Starobinskis an der Genfer Universität den berühmten Rousseau-Lehrstuhl für die Literatur des 18. Jahrhunderts innehat.

Wie viel Genf aber steckt wirklich in den Schriften Rousseaus, der sich in seinen produktivsten Jahren zwischen 1754 und 1764 eher im Pariser Raum aufhielt, sich hier mit Voltaire und den Enzyklopädisten d’Alembert und Diderot anfreundete?

Zwei Jahrhunderte lang galt Rousseau unangefochten als einer der Väter der Französischen Revolution – und wurde im Umkehrschluss mit seiner kompromisslosen Vorstellung von der Souveränität des Volkes und seiner Idee des allgemeinen Volkswillens als Vordenker des Totalitarismus denunziert. Spätestens der Historiker und liberale Atlantiker François Furet versetzte der Rousseauschen Idee einer volonté générale in den siebziger Jahren einen so wütenden Stoß, dass es kein Zurück mehr gab zur Verklärung.

Als hätte er geahnt, wie es kommen würde, hatte der Philosoph in seinen späten Jahren schon gleichsam vorgesorgt: Am ehesten, so mag er sich gedacht haben, wird mir die Heimatstadt ewigen Ruhm bewahren. Und so erklärte er Genf immer wieder aufs Neue seine Liebe – während er die patriarchal regierenden Stadtherren herzlich verachtete!