Es ist ein Moment, von dem er noch heute träumt. Er hat die Skischanze hinter sich gelassen und den höchsten Punkt erreicht. Jetzt schwebt er der Erde entgegen. Frei wie ein Vogel. Es dauert nur wenige Sekunden. Er will, dass dieser Moment nie zu Ende geht. Er hat alles überwunden: die Schwerkraft, seine Probleme, die Angst. Was kann ihm jetzt noch passieren?

Ein sonniger Tag im Frühling 2012. Hans-Georg Aschenbach steht stocksteif auf einem Podium in einer Buchhandlung in Suhl, der Stadt, die ihn einst zum Ehrenbürger ernannt hat nach seinem größten sportlichen Triumph. 1976 hat er für die Deutsche Demokratische Republik Olympiagold im Skispringen geholt.

Aschenbach ist immer noch genauso drahtig wie damals. Zwischen den Rentnern in Goretex-Jacken wirkt er verloren mit den gestutzten Haaren und dem sportlichen Sakko, das er über einem gelbgrau karierten Hemd trägt.

Die meisten im Raum kennen ihn von früher, das Hänschen, den Olympiasieger, den Doktor Aschenbach. Es sind ehemalige Nachbarn. Verstohlen mustern sie ihn von der Seite. Ja, er ist es tatsächlich. Der Mann vom Cover des Buches, das jetzt neben der Kasse liegt. Ein Ghostwriter hat die Geschichte aufgeschrieben, aber dieser Name steht auf dem Einband: Hans-Georg Aschenbach. Und der Titel lässt erahnen, in welchem Zwiespalt sich dieser Mann befindet, auch jetzt noch, 24 Jahre nachdem er die DDR verlassen hat. Euer Held, Euer Verräter .

Aschenbach hat die Hände vor dem Bauch ineinander verkrampft. Eigentlich wollte er nie wieder an diesen Ort zurückkehren, doch in seinem Verlag hat man ihm gesagt, es müsse sein.

Er habe seine Angst überwunden und seine Geschichte zu Papier gebracht. Wer A sage, müsse auch B sagen.

Das Buch gibt eine Antwort auf die Frage, warum Aschenbach, der gefeierte DDR-Sportler, im Jahr 1988 in den Westen ging und alles aufgab, seine Karriere, seine Familie. Es ist aber auch eine wütende Abrechnung mit der DDR und dem Spitzensport. Einige der Funktionäre, die der 60-Jährige nunmehr anklagt, hat er namentlich genannt.