Eine unfrohe Nachricht erreicht uns aus Italien. Dort sollen laut einer von der EU geförderten Studie, an der unter anderem die Universität Bremen beteiligt ist, die dicksten Kinder in Europa leben. Mehr als 40 Prozent der Zwei- bis Zehnjährigen seien übergewichtig. Der italienische Gesundheitsminister regt eine Steuer auf Limonade an, was den angespannten Haushalt entlasten dürfte – allerdings nur, wenn sich die Kleinen auch weiterhin so ungesund ernähren wie bisher.

Dass ausgerechnet die Italiener ansetzen, ist stark erklärungsbedürftig. Das Olivenöl, hieß es doch immer, soll schlank halten. Die Nordeuropäer machen mit großem Erfolg ihre Mittelmeer- oder (so der Fachausdruck) Kreta-Diät, die sich lustvoll aus Fisch, Gemüse, Knoblauch und Rotwein zusammensetzt, und werden immer dünner. Die Südländer scheinen sich nach dem Export ihrer Ernährungsgewohnheiten eher den Amerikanern anzupassen, die übrigens gleichfalls per Gesetz gegen die Fettsucht angehen. Auch aus New York erreichte uns nämlich eine unfrohe Nachricht. Auch dort wird man immer dicker. Angesichts der grassierenden Fettsucht sollen deshalb zuckerhaltige Getränke in XXL-Bechern verboten werden (unter dem Gesetz dürften dann vor allem auch die hoch dosierten italienischen Touristen leiden – egal).

Die Forscher machen übrigens die Unlust an Bewegung (Fernseher und Computer!) und mangelnden Schlaf (Finanzkrisenstress!) für das Übergewicht der italienischen Kinder verantwortlich. Vermutlich spielt auch die globale Verbreitung des amerikanischen Junkfoods eine Rolle. Wir wollen die unfaire Pointe nicht ausreizen, dass zur Finanzdisziplin eben auch ein bisschen Ernährungsdisziplin gehört und es kein Zufall sein kann, dass mit den Schulden auch der Bauch ungebremst wächst.

Da wir von Kreta sprachen: Es lohnt in diesem Zusammenhang ein Blick in das Werk des griechischen Philosophen Panajotis Kondylis. Kondylis hat in den neunziger Jahren die feine Beobachtung gemacht, dass die postbürgerliche Gesellschaft sich durch eine kuriose Paradoxie auszeichnet: Wir suchen individuelle Erfüllung ausgerechnet durch den Konsum von Massenprodukten. Sich modisch zu kleiden, empfinden wir als individuell, selbst dann, wenn jeder so gut wie das Gleiche trägt. Der Biss in den Burger ist ein Ausdruck von Freiheit, selbst dann, wenn die Fast-Food-Kette, der er entstammt, an jeder Ecke der Stadt steht. Mit anderen Worten: Wir wähnen uns in der liberalsten, offensten Zeit seit Menschengedenken. Die Pizza und mein Bauch gehören mir. Doch ohne es zu ahnen, folgen wir damit nur dem Herdentrieb, weshalb sogar der illiberale, gesundheitspolitische Dirigismus, der mit Steuern und Verboten unseren Hunger dämpfen soll, als wünschenswert erachtet wird. Das nennt man Verblendungszusammenhang. Nur die Nordeuropäer mit ihrem auf Vernunftmaß gezügelten Appetit, Sparbemühungen und Kreta-Diäten scheren derzeit aus dem Weltlauf aus.