So also verlässt Lilienthal seine Stadt. Es war im Grunde nicht überraschend, dass dieser wagemutige Mann, der zudem den Familiennamen eines Flugkünstlers trägt, auf dem Luftweg aus Berlin verschwinden würde. Ein Hasardeur war er immer, ein Spezialist für unmögliche Flüge. Sein Programm lautete: Theater machen ohne Geld. Und das in einem Umfeld (Kreuzberg), welches von einem noch größeren Projekt gezeichnet war: Leben ohne Geld.

Was nun im Programmheft seiner letzten Berliner Theatertat, der »Weltausstellung« The world is not fair steht, galt stets für das ganze Lilienthal-Theater: »Bei Redaktionsschluss stand noch nicht fest, welche Werkstoffe wir für unser Festivalzentrum verwenden und wie das Ergebnis aussehen wird. Wir stellen immer wieder fest, dass wir erst hinterher sagen können, was passiert ist.«

150 Premieren hat Lilienthal seit 2003 jährlich herausgebracht in seinem aus drei Häusern bestehenden Theaterkonglomerat, dem Hau (Hebbel am Ufer) – Performance, Reenactment, Intervention, Dokumentartheater, Tanzfilmarchitekturkunst, Mischformen aller Art und von überallher, angesiedelt an den »Schnittstellen« (wichtiges Hau-Wort) der Gattungen. Manches war genial, anderes entpuppte sich als erheblicher Krampf, und da kein Mensch auch nur annähernd den Überblick über das Programm bewahren konnte, grenzte der Ruf des Hau bald ans Sagenhafte: Es war die wahre Weltbühne Berlins, und ihr Chef erwies sich als der nonchalanteste Weltreisende, den man sich vorstellen konnte. Er wirkte nie so, als sei er gereist, sondern stets so, als komme die Welt zu ihm.

Das Flugfeld Tempelhof ist der Ort von Matthias Lilienthals letzter und größter Premiere, The world is not fair ist eine melancholische Schau, deren Pavillons in bitterer und heroischer Einsamkeit auf dem Gelände stehen und sich unter dem Wind wegducken, der von Neukölln einfällt.

Ortsbesichtigung. Lilienthal radelt durch die Tempelhofer Haferwiesen, der Berichterstatter an seiner Seite auf einem Fahrrad ohne Bremse, und man sieht eine Ermüdungsweltausstellung, weich in ihren Zirkusseilen hängend, in die schon vor dem ersten Ausstellungstag der Regen peitscht. Dabei sind Hans-Werner Kroesinger, Harun Farocki, Olafur Eliasson, Rabih Mroué, Tracey Rose und viele andere – die Kunst und die Schnapsidee, sie haben hier alle Platz.

Wenn man klassische Parkanlagen für ihre Blickachsen lobt, so muss man sagen: Das Tempelhofer Flugfeld hat die umwerfendsten Blickachsen, die es gibt. Auf den Rollbahnen radeln, wandern, skaten, kiten Menschen mit dem feierlichen Ernst, den jede Wiederaneignung, jede Inbesitznahme braucht: Sie bewegen sich, als sei das noch immer gefährlich, als dröhnte der Boden unter der Wucht der Flugmaschinen. Dies war mal der wichtigste Flughafen der Welt, heute herrschen hier die Flechten, Gräser, Sandstrohblumen, und die eigentliche Inszenierung, die Lilienthal veranstaltet, heißt: Die Welt nach dem Menschen. Die Stadt ohne uns. Und natürlich: Berlin ohne Lilienthal.

Neun Jahre lang hat Lilienthal das Hau geleitet, dann wollte er nicht mehr, er bewarb sich für Intendantenposten in Hamburg und Stuttgart und bekam sie nicht, und nun sagt er: »Sie sollen mir hier auf dem Gelände einen Hangar geben und fünf Millionen jährlich« – dann werde er auf dem Flugfeld sein Theater eröffnen, ein Heidetheater.