Kein Fass aufmachen – Seite 1

Saint-Ursanne, ein Idyll im Schweizer Jura. Am Ortsrand des mittelalterlichen Städtchens klettert Marcos Buser in einen Geländewagen. Der Geologe steuert den 800 Meter hohen Mont Terri an und fährt in einen Sicherheitsstollen, den Ingenieure vor 25 Jahren parallel zu einem Autobahntunnel gegraben haben. Kaum schneller als ein Fahrrad rollt der Wagen durch die düstere Röhre. Dann stoppt er, und es geht zu Fuß weiter. Das Ziel ist erreicht, als im Zwielicht ein Eingang auftaucht.

Dahinter öffnet sich ein verzweigtes System aus Gängen und Kavernen: das Schweizer Labor für Endlagerforschung. Es liegt mitten in einer besonderen Gesteinsformation, dem Opalinus-Ton. "Eigentlich ist es ein langweiliges Gestein, überall das gleiche Grau", sagt Buser. "Aber brauchbar für ein atomares Endlager." Im Mont Terri testen die Experten den Ton: Wie lässt sich Atommüll möglichst sicher in ihm lagern? Und ließe sich der Abfall im Notfall wieder herausholen?

Ob man strahlende Abfälle rückholbar endlagern soll oder nicht, darüber wurde in der Schweiz schon in den neunziger Jahren debattiert. In Deutschland war das lange kein Thema. Stoisch hatten die Verantwortlichen ein einziges Konzept verfolgt: Sobald ein Endlager mit Atommüll gefüllt ist, wird es für die Ewigkeit verschlossen. Doch dann folgte der Skandal um den Salzstock Asse. 2008 war ans Licht gekommen, dass in dem niedersächsischen Forschungsbergwerk mehr als 120.000 Fässer mit schwach und mittelradioaktivem Atommüll unter heiklen Bedingungen lagern. Wasser dringt in den Salzstock ein, Fässer verrotten, radioaktive Lauge schwappt in den Kavernen.

Zweieinhalb Milliarden Euro soll die Räumung der Asse kosten

Der Druck der Öffentlichkeit wurde so groß, dass sich das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) vor zwei Jahren zu einer drastischen Entscheidung durchrang. Die maroden Fässer sollen geborgen und in ein sicheres Depot umgelagert werden. Die Kosten der Rückholaktion wurden auf zweieinhalb Milliarden Euro taxiert. Dauer der Operation: noch offen. Eine ganze Reihe von Experten bezweifeln, dass der Plan überhaupt aufgeht, denn der bröckelnde Salzstock der Asse gilt laut Gutachten nur noch rund zehn Jahre als stabil. Deshalb halten manche eine "Verfüllung" der Schächte mit Betonsperren für sicherer. Doch in der Region Wolfenbüttel gilt als ausgemacht: Etwas anderes als die Rückholung kommt nicht infrage.

So ist mit dem Asse-Skandal auch die grundsätzliche Diskussion über den richtigen Umgang mit hochradioaktivem Abfall wieder entbrannt. "Man sollte den Atommüll so lagern, dass man ihn bei unvorhergesehenen Ereignissen wieder herausholen kann", fordert zum Beispiel Rolf Bertram, einst Chemieprofessor an der TU Braunschweig, heute Mitglied einer Kommission zur Schließung der Asse. Die Rückholbarkeit ließe sich durch eine Art dauerhaftes Zwischenlager erreichen. Der Vorteil: Künftige Generationen hätten den nuklearen Abfall stets im Blick und könnten bei Bedarf schnell reagieren.

Möglich wäre auch ein Lager, das nur provisorisch verschlossen ist. Sensoren und Kameras würden das radioaktive Inventar überwachen. Läuft etwas schief, ließe sich der Verschluss aufbrechen wie das Siegel eines Briefes.

Die Möglichkeit eines späteren Zugriffs auf das gefährliche Material fasziniert nicht nur Atomskeptiker, sondern auch Unionspolitiker. "Die Rückholbarkeit ist eine zentrale Frage bei der Endlagersuche", sagt Björn Thümler.

Die Risiken einer offenen Ruhestätte

Der Vorsitzende der CDU-Landtagsfraktion in Niedersachsen favorisiert die Idee, weil in Zukunft vielleicht ein neues Aufbereitungsverfahren zur Verfügung steht, das Prinzip der Transmutation. Der Atommüll soll mit schnellen Neutronen beschossen werden, wodurch sich die langlebigen Nuklide in kurzlebige umwandeln. "Sollten künftige Generationen die Transmutation beherrschen, würden sie den nuklearen Abfall womöglich rückholen und entschärfen wollen", sagt Thümler. An der Transmutation wird schon länger geforscht – noch ist aber unklar, wie effektiv sie ist. Andere Experten halten es sogar für denkbar, dass unsere Kindeskinder den Müll irgendwann wieder zutage fördern wollen, um die beträchtliche Restenergie, die noch in ihm steckt, in einer neuen Generation von Kernreaktoren zu nutzen.

Doch eine offene Ruhestätte für Atommüll birgt neue Risiken. "Um so ein Endlager müssten sich die Menschen dauerhaft kümmern, müssten es über Jahrhunderte bewachen, warten und reparieren", sagt der Geologe Detlef Appel, Mitglied der Entsorgungskommission des Bundesumweltministeriums. Möglicherweise erkunden ahnungslose Abenteurer das Stollensystem, ohne zu wissen, womit sie es zu tun haben. Vielleicht brechen Terroristen ins Lager ein, stehlen den strahlenden Müll und bauen aus ihm sogenannte schmutzige Bomben. Oder Diktatoren nutzen den radioaktiven Abfall als Druckmittel.

Erklärte Kernkraftgegner fürchten diese Horrorszenarien. "Wer will schon für tausend Jahre garantieren, dass noch Gesellschaften bestehen, die sich um die Sicherung dieses Mülls kümmern können oder wollen?", fragt die atompolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen Sylvia Kotting-Uhl. "Das können wir heute nicht prognostizieren, und deshalb sind wir gegen die Rückholbarkeit."

Als Ausweg verfolgt das Bundesumweltministerium nun das Konzept der Bergbarkeit. Nur solange das Endlager offen ist und befüllt wird, soll man den Atommüll schnell und einfach wieder zurückholen können. Ist das Lager nach mehreren Jahrzehnten voll, wird es verfüllt und dicht verschlossen. Allerdings wäre der Atommüll nicht unerreichbar. Er würde so gelagert, dass er sich mindestens 500 Jahre lang bergen ließe – wobei man dafür allerdings neue Stollen und Tunnel graben müsste. "Die Rückholung wäre zwar aufwendiger, als wenn man den Schacht offen ließe", sagt Florian Emrich, Sprecher des Bundesamtes für Strahlenschutz. "Dafür ist das Konzept sicherer und verhindert, dass Radionuklide durch offene Schächte nach außen gelangen oder Wasser ins Endlager fließt und die Abfälle angreift."

Die Realisierung des Konzepts aber kostet viel Geld. Um Atommüll auch in 500 Jahren noch bergen zu können, sind mehrere Maßnahmen nötig: Die Abfälle müssten geordnet und gut dokumentiert gelagert werden, damit man sie später wiederfindet. Sie müssten in überaus haltbare Gefäße gepackt werden, damit künftige Generationen auf intakte Behälter stoßen statt auf eine strahlende Suppe. Und die Behälter müssten dicke Mäntel aus haltbarem, aber kostspieligem Stahl, Kupfer oder aus Keramik besitzen.

Die Schweizer versenken Testbehälter in den Stollen wie eine Zeitkapsel

Offen ist zudem, mit welcher Technik sich diese Behälter bei einer Bergung wieder herausholen lassen. Genau das will das schweizerische Bundesamt für Landestopografie swisstopo mit seinem Labor für Endlagerforschung im Mont Terri herausfinden. Geologe Marcos Buser deutet auf eine Wand, an die ein rotes Kreuz gemalt ist. Bald wird hier eine Maschine einen 50 Meter langen Stollen in den Berg graben. In diesen Hohlraum wollen die Fachleute dann drei tonnenschwere Behälter auf Schienen hineinfahren. In den Gefäßen werden keine strahlenden Abfälle stecken. Die Wärmeentwicklung von Brennstäben in den Behältern wird mit Thermoelementen simuliert. Danach wird man den gesamten Stollen mit Granulat verfüllen und zumauern.

Es sei schon schwierig, die schweren Behälter in den engen Stollen zu bugsieren, sagt Buser. Doch eine Rückholaktion könnte noch weitaus problematischer werden. Aufquellendes Granulat könnte die Behälter zur Seite drücken und aus ihrer Lage schieben. Ob so etwas passieren kann, lässt sich erst beurteilen, wenn die Schweizer den Stollen wieder öffnen – in 20, vielleicht auch erst in 30 Jahren.

Auch für die Endlagersuche in Deutschland wirft das Konzept zur Bergbarkeit Fragen auf. Unklar ist, ob alle Gesteinsarten, die heute im Gespräch sind – Granit, Ton und Salz –, gleich gut geeignet sind. Aus Granit, das Schweden für ein Endlager vorsieht, ließe sich der Müll wohl am einfachsten zurückholen. "In Granit bleiben Bohrlöcher und Kammern lange formstabil", sagt der Geologe Detlef Appel. "Dadurch könnten die Abfälle relativ einfach wieder herausgeholt werden." Allerdings neigt Granit zur Bildung von Rissen und Klüften, durch die Wasser eindringen kann. Und es ist fraglich, ob es in Deutschland geeignete Granitformationen gibt.

Brauchbare Tongesteine dagegen finden sich zum Beispiel entlang der Donau. In diesen Formationen könnte eine Bergung jedoch aufwendig sein. Ton ist verformbar und umschließt die Behälter nach einiger Zeit. Das gilt erst recht für Salzstöcke wie Gorleben. "Salz kann regelrecht fließen, sodass sich Hohlräume zwangsläufig verschließen", erklärt Appel.

Dass Ton und Salz den Atommüll einschließen, halten viele Experten im Grunde für nützlich. Dann nämlich wäre der strahlende Abfall im günstigsten Fall für Jahrmillionen sicher ummantelt. Exhumieren ließe sich der Inhalt solch eines Atommüllgrabs allerdings nicht mehr. "Je fester die Abfälle eingekapselt werden, umso größer ist der Aufwand für die Bergung", sagt Appel. Der niedersächsische CDU-Mann Thümler hält aus diesem Grund nichts von einem Endlager im Salz. "Da Salz das eingelagerte Gut umschließt, ist eine Rückholbarkeit erschwert", sagt er. Das Argument besitzt für ihn auch politischen Charme: Die Endlagerung im niedersächsischen Salzstock Gorleben wäre vom Tisch.

Während Kernkraftgegner das Konzept der Rückholbarkeit beunruhigt, halten sie Bergbarkeit für sinnvoll. Doch sie fordern, dass das Endlager nach dem Dichtmachen lückenlos überwacht wird. "Man muss Sensoren einbauen, die wiedergeben, was dort geschieht", sagt Rolf Bertram. "Sensoren, die den chemischen Zustand, den Gasdruck und die Flüssigkeitsbildung erkennen." Damit hätten künftige Generationen im Blick, was dort unten los sei, und könnten bei Schwierigkeiten einschreiten. Die Sache hat nur einen Haken. "Derzeit haben wir keine Sensoren, von denen wir wissen, dass sie länger als 50 Jahre halten", sagt Horst Geckeis vom Institut für Nukleare Entsorgung in Karlsruhe. Vermutlich wäre ein Messnetz nach spätestens 100 Jahren so marode, dass man es ersetzen müsste. Wie das funktionieren soll, ohne das Lager wieder aufzugraben, ist unklar. Und ein Messnetz, das nur ein Jahrhundert lang hält, erscheint relativ nutzlos. "Eigentlich nimmt niemand an, dass in diesem Zeitraum etwas Kritisches in einem Endlager passiert", meint Geckeis. "Bei einem guten Endlagerkonzept kann man davon ausgehen, dass es mehrere 1.000 bis 10.000 Jahre dauert, bis dort beispielsweise Wasser eindringt."

Abfall unter Beobachtung

So wird schon am Mess-Dilemma deutlich, dass es sich bei der Diskussion um Bergbarkeit und Rückholbarkeit nicht nur um Maßnahmen im Interesse unserer Nachfahren handelt. Der mögliche Zugriff soll die Nerven der Zeitgenossen beruhigen. "Die Vorstellung, man verschließt ein Endlager und kommt dann nicht mehr an die Abfälle ran, behagt vielen Menschen nicht", sagt Detlef Appel. "Im Alltag haben wir lieber die Kontrolle über etwas – obwohl wir wissen, dass das nicht immer möglich ist."

Vielleicht ist das Schweizer Modell eine Alternative, die alle Seiten zufriedenstellt? Zwar haben auch die Eidgenossen noch längst keinen Standort für ihr Endlager. Mont Terri kommt jedenfalls nicht infrage. Es gibt bessere, geologisch ruhigere Tonschichten im Norden des Landes. Doch schon 2003 schlossen die Schweizer in puncto Rückholbarkeit einen Pakt. "Damals äußerten die Umweltorganisationen den Wunsch, man sollte das Lager längere Zeit offen halten oder zumindest überwachen", erinnert sich Marcos Buser.

Am Ende der Diskussionen stand ein Kompromiss: In einem Hauptlager soll der Großteil der Abfälle eingelagert und dicht verschlossen werden. Direkt daneben wird ein kleines Pilotlager aufgefahren, in dem nur wenige Behälter lagern. Diesen Beobachtungsposten wollen die Schweizer über Jahrhunderte offen halten und überwachen. Würde im Pilotlager etwas schieflaufen, müsste man befürchten, dass auch im Hauptlager etwas nicht stimmt, und es im Extremfall wieder aufreißen.

Zwar lässt auch dieses Konzept Fragen offen. "Wir wissen noch nicht, wie lange man dieses Pilotlager betreiben muss, bis man aussagekräftige Resultate hat", sagt Buser. Aber der Vorschlag hat in der Schweiz auf allen Seiten die Gemüter beruhigt. "Das Konzept trifft auf eine extrem breite Zustimmung", sagt Buser. "Schließlich wurde es auf die Bedürfnisse der Bevölkerung abgestimmt."

Könnte das Schweizer Modell auch ein Vorbild für Deutschland sein? Ja, sagt Detlef Appel. "Ich halte das im Moment für den einzig gangbaren Weg, um überhaupt zu einer Lösung zu kommen." Das sei ein Kompromiss, der die Fronten versöhnen könnte.