Vom Festungshügel aus kann man es gut sehen: Das frisch renovierte Zentralstadion in Kiew. Dort wird Anfang Juli das Finale der Fußball-Europameisterschaft ausgetragen. Wie ein frischer, blütenweißer Überzug liegt das neue Wabendach über dem Stadion, ein Farbton, der inmitten des Panoramas grauer Plattenbau-Hochhäuser so auffällig ist wie sattes Grün in der Sandwüste. Noch auffälliger aber sind die Kosten der Stadionsanierung. Für den Umbau bezahlte der ukrainische Staat fast eine halbe Milliarde Euro. Zum Vergleich: Die Allianz-Arena des FC Bayern München, das bislang teuerste Fußballstadion in Deutschland, war für 340 Millionen Euro zu haben. Privat finanziert, und als Neubau. »Wir haben hier einen sehr dynamischen Baumarkt«, sagt Roman Ledionow, einer der Stadionmanager von Kiew. »Heute kalkulieren wir mit diesem Preis, morgen schon wird ein ganz anderer verlangt.«

Das Land am Schwarzen Meer gilt als eines der korruptesten der Welt. Die Organisation Transparency International führt die Ukraine in ihrem Korruptionswahrnehmungsindex auf Rang 152 von 183 untersuchten Ländern. »Kleine Entgegennahmen«, wie Schmiergeldzahlungen hier genannt werden, prägen den Alltag. Bei der Vorbereitung der Fußball-EM dürfte das nicht anders gewesen sein. Während es nach offizieller Lesart keine Korruption gegeben hat, berichten in- und ausländische Geschäftsleute unisono über Quoten von bis zu 50 Prozent der Investitionssumme. Gemeint ist der Betrag, der auf den eigentlich ausgehandelten Preis als Schmiergeld obendrauf gelegt wird. »Im Privatsektor ist die Korruption zwar eher auf dem Rückzug, aber bei öffentlichen Aufträgen ist sie regelrecht ausgeartet«, beobachtet der örtliche Manager eines westeuropäischen Industriekonzerns.

Weite Teile der Bauaufträge rund um die Europameisterschaft wurden ohne Ausschreibung vergeben. Dafür setzte die Regierung Janukowitsch eigens das Vergaberecht außer Kraft. »Wir waren in erheblicher Zeitnot«, rechtfertigt sich der dafür verantwortliche Infrastrukturminister Boris Kolesnikow. Die Bauten wurden danach zwar rechtzeitig fertig. Zugleich aber stiegen die Kosten für den Staat schnell um zwei Milliarden Euro über die ursprünglich geplante Summe.

Wer aber sind die Profiteure der überraschenden Kostenexplosion?

Auch deutsche Unternehmen waren an den EM-Vorbereitungen beteiligt. Etwa beim Stadion in Kiew: Das Wabendach stammt von der bayerischen Firma Hightex, die Entwässerungstechnik von Roediger Vacuum aus Hessen. Die Firma SSM Engels Display Rhein Ruhr steuerte LEDs für die Anzeigentafel bei. Und die Gestaltung übernahm das Hamburger Architekturbüro Gerkan, Marg und Partner (gmp) – gemeinsam mit einer ukrainischen Firma.

Den Auftrag erhielt gmp, nachdem dem eigentlichen Sieger des Architekturwettbewerbs – einer Firma aus Taiwan – wieder gekündigt worden war. Mit Korruption sei er während der ganzen Zeit »nicht wirklich« in Berührung gekommen, sagt gmp-Projektleiter Christian Hoffmann. »Wenn Sie so gut sind, dass die Auftraggeber Sie unbedingt brauchen, müssen Sie sich nicht auch noch mit solchen Dingen beschäftigen.« Insbesondere zu Beginn des Projektes habe er allerdings schon den Eindruck gehabt, ukrainische Konkurrenten hätten versucht, den Auftrag mit allen Mitteln zu ergattern. Die Display-Firma SSM wiederum bekam den Zorn eines ukrainischen Wettbewerbers zu spüren, der den deutschen Ausrüster kurzerhand vom Stand einer Fachmesse werfen ließ. »Mit Korruption hatten wir nichts zu tun«, betont Projektleiterin Denise Grell. Ihr direkter ukrainischer Geschäftspartner sei »sauber«, sagt sie und ergänzt: »Wir haben mit dem Subunternehmer vom Subunternehmer vom Subunternehmer zusammengearbeitet. Was die Ukrainer weiter oben unter sich ausmachen, weiß ich nicht und will ich auch gar nicht wissen.«

»Er ist zwar auch ein Gangster. Aber er kann die Bande anführen«

Auch Hightex-Vorstandschef Frank Molter betont, dass seine Firma in Kiew nicht Vertragspartner der vergebenden Behörden, sondern eines der ukrainischen Generalunternehmer war. »Man hat sich für uns nicht zuletzt aufgrund unserer Erfahrung beim Stadionbau in Kapstadt und Johannesburg entschieden«, sagt Molter. Projektleiter Gero Steigerwald vom Sanitärspezialisten Roediger erklärt, für die Entwässerungstechnik seien übliche Preise gezahlt worden. Wie viel, will er nicht verraten.