Einzelheiten des großen Stühlerückens im Volkswagen-Konzern waren schon vor Tagen durchgesickert, am vergangenen Wochenende rückte Konzernchef Martin Winterkorn dann mit der "umfassenden strukturellen und personellen Neuaufstellung" heraus, mit der er "die richtige Antwort auf die gestiegenen Anforderungen" geben will. Die Anforderungen sind selbst gesetzt. Bis 2018 wollen die Wolfsburger der führende Hersteller in der Autowelt werden, vor General Motors und Toyota.

Konkret werden mehr als 30 Führungskräfte ausgetauscht. Das klingt nach einem gewaltigen Revirement – bei näherem Hinsehen relativiert sich der Kraftakt jedoch zum Teil. Der Aufsichtsratsvorsitzende Ferdinand Piëch höchstselbst hat Martin Winterkorn bei der öffentlichen Ankündigung die entscheidende Einschränkung entlockt: "Es hat keine Besetzung von außen gegeben."

Diese Aussage wollte das mächtige Führungsduo des Konzerns als Zeichen der inneren Stärke verstanden wissen, was freilich nur ein Teil der Wahrheit sein dürfte. Dass die Wolfsburger Führung in einigen wichtigen Konzern-Baustellen akuten Handlungsbedarf sah, kann man nachvollziehen: In China, dem größten Einzelmarkt mit gewaltigen Expansionsplänen, waren zuletzt teure Qualitätsprobleme bei der Produktion von Getrieben aufgetaucht. Die Annäherung der beiden von VW beherrschten Lkw-Hersteller Scania und MAN kommt nicht voran, und beim steilen Aufstieg der Vorzeigemarke Audi schien der Elan zuletzt etwas nachzulassen.

Neue Leute sollen hier frischen Wind bringen und die Vorgaben der Konzernführung endlich entschlossen umsetzen. Das Revirement greift daher in die Führungsetagen von VW, Audi, Skoda, Bentley, MAN und Scania ein – ein munteres Wechselspiel zwischen den Konzernteilen und Tochterunternehmen. Für manchen Manager sicher eine Bewährungschance. Doch bei der Besetzung wesentlicher Schlüsselpositionen zeigt sich, dass das Reservoir von Spitzenleuten selbst in dem Konzern mit einer halben Million Beschäftigten eben nicht unbegrenzt ist: Manager, die kurz vor der Pension standen, werden reaktiviert; andere, die sich gerade in einen neuen Job eingearbeitet hatten, an anderer Stelle gebraucht.

So soll Leif Östling, mit 66 Jahren als Scania-Chef kurz vor der Pensionierung, im Wolfsburger Vorstand ab September das Lkw-Geschäft mit den Marken Scania, MAN und VW Nutzfahrzeuge koordinieren, um dort endlich die erhofften Synergien zu erzielen. Seinem Vorgänger in dieser Funktion, Jochem Heizmann, 60, war dies nicht gelungen. Doch der langjährige Weggefährte Winterkorns wird nicht abserviert. Im Gegenteil, der Produktionsexperte bekommt das im Konzernvorstand neu geschaffene Ressort "China" übertragen. Dies hat mittelfristig vermutlich den Abgang des bisherigen China-Chefs Karl-Thomas Neumann, 51, zur Folge. Der war vom Zulieferer Conti zu VW gekommen und galt bisher als Hoffnungsträger. Auch nicht gerade zur Nachwuchsriege gehört der VW-Personalmann Jochen Schumm, der mit 64 Jahren von den VW-Nutzfahrzeugen nochmals einen Sprung auf die Position des Personalvorstands und Arbeitsdirektors bei der MAN macht.

Zu den endgültig abgeschobenen Führungsleuten gehören zwei Audi-Vorstände: Der bisherige Entwicklungschef geht mit 60 Jahren in den Ruhestand, der ungeliebte Vertriebschef verlässt den Konzern. Neuer Audi-Chefentwickler wird der derzeitige Bentley- und Bugatti-Chef Wolfgang Dürheimer. Den Job hat er noch keine zwei Jahre – zuvor war er im Porsche-Vorstand für die Entwicklung verantwortlich. Auch nicht gerade lange im Amt ist Luca de Meo als VW-Marketingchef – jetzt soll der ehemalige Fiat-Manager als Vorstand bei Audi Marketing und Vertrieb mit neuen Ideen in Schwung bringen.

Mehr "Schubkraft" verspricht sich das Volkswagen-Führungsduo Martin Winterkorn, 65, und Ferdinand Piëch, 75, von seinem großen Umbau. Die beiden Herren mussten die Personaldecke dafür ganz schön anspannen.