Darf man illegal beschaffte Dokumente eigentlich legal drucken und damit auch noch Geld verdienen? Darf man geheime Vatikan-Papiere in einem Buch veröffentlichen, und kann das Buch zu einem Bestseller werden, ohne dass der Vatikan einen verklagt? Mit anderen Worten: Warum ist Italiens neuester Skandalschmöker Sua Santità , der sogar Faksimiles geheimer Vatikan-Akten enthält, nicht längst verboten? Und warum wurde zwar der indiskrete päpstliche Kammerdiener verhaftet , nicht aber der Buchautor Gianluigi Nuzzi?

Das ist ungerecht, aber rechtens. Warum? Weil wir die Pressefreiheit haben. In Westeuropa kann man für die Publikation geheimer Dokumente nicht juristisch belangt werden, es sei denn, man ist durch Amtsvorschriften zur Geheimhaltung verpflichtet, etwa als Angehöriger des Militärs oder als Beamter des Staates. Außerdem könnte es sein, dass ein Arbeitsvertrag den Einzelnen zum Schweigen zwingt. Aber wenn ein Journalist sich Geheimpapiere verschafft, kann er nicht verurteilt werden, auch nicht als Anstifter zu einer Straftat.

Im Kirchenrecht sieht die Sache schon anders aus. Danach haben jene Kardinäle, die an dem aktuellen Geheimnisverrat wahrscheinlich beteiligt waren, ihren Amtseid gebrochen. Es gibt kirchenrechtlich übrigens eine Hierarchie der Geheimnisse, wobei dienstliche niederen Rang beanspruchen als päpstliche. Von Letzteren kann der Papst theoretisch Dispens erteilen. Sonst gilt: Das päpstliche Geheimnis darf "unter keinen Umständen" gebrochen werden, "in keiner Weise, unter keinem Vorwand, auch nicht um eines höheren Gutes oder einer noch so schwerwiegenden Sache willen".

Daneben bleibt zu unterscheiden zwischen Kirchenrecht und Kirchenstaatsrecht. Letzteres gilt territorial begrenzt für den Vatikanstaat und wurde 1929 in den Lateranverträgen mit Mussolini geregelt. Ersteres gilt weltweit für die katholische Glaubensgemeinschaft – aber die hat keine Polizei. Für schmutzige Urteile der Vergangenheit, etwa die Hinrichtung von Häretikern, bediente der Vatikan sich des Staates. Denn der Staat war von Gott, und der Gotteslästerer war ein Staatsfeind.

Das Kirchenrecht hingegen kennt als Strafmöglichkeiten nur etwas wie die Entziehung eines Rechtes (so zur Teilnahme am Gottesdienst). Geistliche Strafen wie die Exkommunikation, die Paulus "Übergabe an den Satan" nannte, haben aus Sicht der Betroffenen den Vorteil, dass sie nur denjenigen schmerzen, der sich von ihnen treffen lässt. Also: Man muss schon an die Hölle glauben, um sich vor ihr zu fürchten.

Höllenfurcht scheint nicht Gianluigi Nuzzis Problem zu sein. Soeben wurden die deutschen Buchrechte versteigert. Wir glauben aber, dass man dafür nicht in die Hölle kommt.