Geheimnisse sind auch nicht mehr das, was sie mal waren. Ständig droht irgendwer, sie zu veröffentlichen. Schuld daran ist das Internet. Dank unbegrenzter Anonymisierungsmöglichkeiten wird alles verraten, von Staatsgeheimnissen bis zu Omas Familien-Käsekuchenrezept.

Jetzt hat es sogar die katholische Kirche erwischt, diese Institution, von der wir stets annahmen, Geheimniskrämerei und Starrsinn seien ihre Hauptgeschäftszweige. Doch egal, wie die Kirche sich zu Priesterehen und Piusbrüdern positioniert, auch sie kann sich der neuen Offenheit nicht verschließen.

Die erstaunte Öffentlichkeit liest jetzt Dokumente, die Geldwäsche, Inkompetenz, ja sogar eine Verschwörung gegen den Papst beweisen sollen. Das ist höchst skandalös, aber jeder Skandal braucht auch einen Namen – kurz, griffig, mit Wiedererkennungswert. Vati-Gate? Zu alt. Vati-Skandal? Zu lahm. VatiLeaks? Ja! Klingt wie WikiLeaks. Versteht jeder. Oder?

Seit der Skandal auf diesen Namen getauft wurde, erfreut sich vatileaks.com größter Beliebtheit. Tausende suchen nach den geleakten Dokumenten auf einer Webseite, die von einer wolkenumwitterten Vatikan-Kuppel und einem blutigen Schlüssel geschmückt wird. Nur: Die skandalträchtigen Papiere finden sich hier nicht. Eher Blogeinträge über Missetaten der Kirche, obligatorische Hinweise auf Nostradamus und Bücher mit Titeln wie The Christ Scandal.

Schade. Wie schön wäre es, hätte jede mächtige Institution eine eigene Leak-Seite, sodass man auf jogileaks.de die letzte Trainer-Team-SMS von Jogi Löw vorm Anpfiff lesen könnte: »Blauer Pulli oder weißes Hemd?« Oder eine Mail von Angela Merkel an Norbert Röttgen, Betreff: Absolute Rückendeckung – natürlich auf merkelleaks.org.

Doch leider läuft es nicht so. VatiLeaks zeigt: Nicht alles, was geleakt wird, kommt auch aus dem Internet. Und manches, was im Internet Leak heißt, ist kein Geheimnis. Und manchmal stehen die neuesten Nachrichten in den ältesten Medien. Viele der Vatikan-Dokumente wurden erstmals in einem Buch zitiert. Und das passt ja auch zur Kirche: Wenn schon Skandal, dann old school.