So sieht sie also aus, die Wiener Sünde: grün, unreif und unscheinbar. Am Tatort zu unseren Füßen, begrenzt von vier zum Zaun gebogenen Zweigen, wachsen Erdbeeren im Vorgartengras. Eine illegale Pflanzung auf fünfzig Quadratzentimetern. Touristen verirren sich selten hierher, in die Tivoli Siedlung im 12. Wiener Bezirk, erbaut in den frühen dreißiger Jahren. Der Anbau von Obst und Gemüse ist ihren Bewohnern bis heute verboten. Früher galt es, die Arbeiter auf diese Weise zur Freizeit zu zwingen, sicherzustellen, dass sie nicht zu Hause weiterschufteten – ein irgendwie fortschrittlicher Gedanke, damals.

Die Täterin ist bekannt. Eine Anwohnerin. Genau genommen, steht sie sogar neben uns. Und kichert. Andrea Seidling sagt, sie habe einfach mal ausprobieren wollen, wie das geht: Selbstversorgung. Schon wegen der Ausstellung. Die Architektin ist Projektkoordinatorin des Architekturzentrums Wien, das bis Ende des Monats die Schau Hands-on Urbanism 1850–2012. Vom Recht auf Grün zeigt. Mit etlichen Texttafeln und Bildern liefert sie den Nachweis dafür, dass sich der Mensch das Gärtnern noch nie hat verbieten lassen, selbst wenn er keinen eigenen Garten besitzt. Vom ersten Schreberplatz in Leipzig 1865 bis hin zu den Guerilla Gardeners der Gegenwart, von Havanna bis Hongkong: Wo Erde ist, da werden Samen geworfen – aus Hunger, aus Protest oder einfach nur zum Spaß.

Damit sich das Thema auch ganz lebenspraktisch erschließt, bieten die Veranstalter eine Exkursion an. Die Garten-Fahrrad-Tour Public Fruits weist auf Orte im Stadtgebiet hin, an denen sich der grüne Drang besichtigen, bestenfalls auch schmecken lässt. Im Guerilla Garden Längenfeld am Donaukanal zum Beispiel, wo zwischen der mehrspurigen Wienzeile und U-Bahn-Trassen ein wilder Garten wuchert. Gemüsebeete durchziehen den Rasen mit ihren braunen Narben, mit Steinchen geformt zu Kreisen, Quadraten und einem großen Herz. An einer Mauer wuchert ein riesiger Brombeerstrauch, der ganze Hundertschaften dessertsatt machen dürfte, wenn die Früchte reif sind. Die Gardener, sagt Seidling, hätten ausdrücklich nichts dagegen, wenn man sich an den Erträgen ihrer Arbeit bediene – oder bestenfalls sogar selbst gestaltend Hand anlege. Manchmal tausche einer der Jungs aus dem nahe gelegenen Skater-Park sein Board tatsächlich gegen ein Schippchen. 

Um ehrlich zu sein, empfiehlt es sich, für die Tour ein belegtes Brot in den Rucksack zu packen. Zum einen, weil der öffentliche Raum in diesen Tagen nicht eben viel zu essen bietet. Zum anderen aber auch, weil man nicht von jedem Teller essen möchte. In der Wolfganggasse, ebenfalls im 12. Bezirk, haben die Bewohner deshalb von Anfang an beschlossen, keine Nutzpflanzen in ihre Beete zu setzen. "Wegen der Hunde", sagt die Künstlerin Jutta Wörtl-Gössler. Das wäre einfach zu arg.

"Hortensien statt Haufen" könnte das Motto ihrer Initiative lauten. Wo früher Autos parkten und später Hunde den Rindenmulch düngten, haben sie und ihre Nachbarn aus den Mietshäusern am Straßenrand Erde verteilt und der Stadt kleine Gärten abgetrotzt. So ist aus der Wolfganggasse ein Spiegel ihrer Bewohner geworden. Ein Rentner hat Buchsbaumhecken gepflanzt und Geranienkästen auf Parkstangen geschraubt. Der Franzose überlässt seine Wicken weitgehend sich selbst. Die kroatische Köchin, der die Liebe zur Blüte vielfarbig aus dem Küchenfenster quillt, hat endlich ihren Blumengarten wieder. Und der Besucher ein Wien so wild und bunt und schön, wie er es im 1. Bezirk selten finden wird.