In der Rückzugsspirale – Seite 1

Wenn Andrea* morgens aufwachte, war sie meist noch fest entschlossen. Sie würde zur Schule gehen, sich melden und mit ihren Klassenkameraden auf dem Schulhof quatschen. Aber schon beim Zähneputzen kamen sie wieder, Gedanken wie diese: Was, wenn ich etwas Peinliches mache? In der Pause allein rumstehe? "Am Ende bin ich doch wieder zu Hause geblieben", sagt Andrea. So ging das monatelang.

Wenn die Angst so groß ist, dass sich die Betroffenen kaum noch aus dem Haus trauen, gibt ihr die klinische Psychologie einen Namen: soziale Phobie. Solange man seine Ängstlichkeit – anders als im Extremfall von Andrea – noch halbwegs im Griff hat, interessiert sie oft niemanden. Kein Wunder: Das Wesen der Betroffenen besteht oft darin, möglichst unsichtbar zu werden. Leider darf man sich nicht überall verstecken, vor allem nicht in der Schule.

"Der Unterricht ist eine Inszenierung, in der alle ihre Rollen spielen müssen", sagt Georg Stöckli, Pädagogikprofessor der Universität Zürich. Stöckli ist einer der wenigen Wissenschaftler, die sich mit den Problemen befassen, denen schüchterne Kinder im Schulalltag ausgesetzt sind. "Jeder muss hier bestimmte Erwartungen erfüllen. Aber die Schüchternen können das nicht."

Denn es geht nicht nur um Mathe und Bio: In der Schule soll man auch lernen, vor anderen zu sprechen, eine Meinung zu haben und sie zu vertreten. Freunde zu finden, ein aktiver Teil der Gesellschaft zu sein. Wer immer bestrebt sei, bloß nicht aufzufallen, verfehle schon damit das Leistungsziel. In den unteren Klassen schreibt der Lehrer ins Zeugnis, ob man sich auch gut integriert hat. Man bekommt Noten für mündliche Mitarbeit – wie zielführend der Beitrag war, ist eher zweitrangig. "In der Schule werden fachliche und soziale Kompetenzen vermischt", sagt Stöckli. Wer sich nicht gut darstellen könne, dessen Fähigkeiten würden insgesamt infrage gestellt. Zuallererst von den schüchternen Schülern selbst. Stöckli zufolge unterschätzen sich Schüchterne deutlich, haben öfter Kontaktprobleme und Minderwertigkeitsgefühle. 16 Prozent aller Grundschüler zeigen diese Symptome; bei der einen Hälfte wächst sich die Schüchternheit von alleine aus. Bei der anderen wird sie zur pädagogischen Herausforderung.

"Die Schüchternen haben zunehmend Probleme, zur Geltung zu kommen, weil die Zahl der lauten und unangepassten Kinder zugenommen hat", sagt Dorothee Verfürth, die seit über 20 Jahren als Beratungslehrerin an einem Düsseldorfer Gymnasium arbeitet. "Die Lauten fressen die ganze Energie des Lehrers." Stöcklis Studien belegen das: Lehrer kennen ihre aggressiven Schüler deutlich besser als die Zurückhaltenden. Sogar von der psychologischen Forschung bekommen sie mehr Aufmerksamkeit; die befasst sich nämlich viel stärker mit ADHS und Aggressionen als mit Schüchternheit. "Und so kümmert man sich oft erst dann um die Unauffälligen, wenn größere Leistungsprobleme vorliegen", sagt Verfürth.

Auch Andrea bekam in der Schule keine Unterstützung. Ihre Eltern seien überfordert gewesen, erzählt sie, die Lehrer eher wütend. Was wohl schlicht daran lag, dass sie selten da war. Mit zwölf ging Andrea das erste Mal zum Schulpsychologen. Heute, mit 17 Jahren, hat sie mehr Therapien hinter sich als ein Hollywoodstar und allerlei widersprüchliche Diagnosen bekommen: ADHS, Borderline, Faulheit. In der zehnten Klasse flog sie beinahe von der Schule, weil sie drauf und dran war, zum zweiten Mal sitzenzubleiben. Erst bei einem Klinikaufenthalt habe sie gemerkt, "dass ich im Grunde nur ein Schisser bin". Ihre Angst vor anderen Menschen, sagt Andrea, habe sie bis dahin völlig verdrängt.

Warum einige Menschen zurückhaltender sind als andere, sich eher kritisch sehen und anderen unterlegen fühlen, kann auch die Psychologie nicht abschließend erklären. Letztlich scheint es genetische Ursachen zu geben, aber auch die Erziehung spielt eine wichtige Rolle. Sind die Eltern selbst ängstlich und sozial isoliert, neigen sie zu behütendem Verhalten und verhindern Selbstständigkeit.

Einige Schulen reagieren auf das Problem

Natürlich wird nicht jeder Schüchterne gleich zum Fall für eine Klinik. Dann wären diese auch überfüllt: In Umfragen behaupten nur 7 von 100 Befragten, sie würden dieses ärgerliche Gefühl sinnloser Beklommenheit überhaupt nicht kennen. Die Schüchternheit ist lediglich eine Art Risikofaktor: "Wenn dann noch Erfahrungen von Ablehnung, Mobbing oder traumatisierende Ereignisse wie die Trennung der Eltern hinzukommen, kann das die Angstsymptome verstärken", erklärt Lena Krebs, Andreas Therapeutin. Im ungünstigsten Fall beginnt eine Rückzugsspirale: Die Betroffenen nehmen an, sie würden abgelehnt, ziehen sich zurück und werden dann tatsächlich abgelehnt. "Es ist wie eine selbsterfüllende Prophezeihung", sagt Lena Krebs. Fünf bis zehn Prozent aller Kinder und Jugendlichen, sagt Krebs, erkranken im Laufe ihres Lebens daran.

Andrea hat mit dem Schuleschwänzen begonnen, als ihre einzige Freundin in der fünften Klasse auf eine andere Schule wechselte. Plötzlich war sie allein und fühlte sich ausgegrenzt. "Aber vielleicht habe ich mir das auch nur eingebildet", sagt sie heute. Man könnte sagen, die Angst sei nur ein Wahrnehmungsproblem – doch wie soll man sich selbst davon befreien?

Einige Schulen reagieren auf das Problem. Das Marie-Curie-Gymnasium, an dem Dorothee Verfürth unterrichtet, praktiziert den "No Blame Approach": Niemand wird hier ohne Vorankündigung aufgerufen, Schüchterne müssen nicht alleine vor der Klasse sprechen. Stattdessen können sie an Theatergruppen, dem Selbstsicherheitstraining oder Rhetorikkursen teilnehmen. Neben Beratungslehrern, Streitschlichtern und Schulpsychologen haben die Schüler Paten in den höheren Klassen. "Leider hängt es immer von der Initiative des Schulleiters ab, ob Schulen so ein dichtes Netzwerk an Hilfsangeboten aufbauen", sagt Verfürth. Dabei sei das für das Erkennen von Angstproblemen unabdingbar. "Bei einer Klassenstärke von 32 Schülern können die Klassenlehrer nicht allein dafür verantwortlich sein, die frühen Hinweise von Schulangst zu bemerken." Typische Warnsignale seien zum Beispiel: Wenn die mündlichen Noten deutlich schlechter ausfallen als die aus den Klausuren; wenn ein Schüler rot wird, sobald er etwas sagen soll, und alles vergisst. Je früher man gegenlenke, desto besser lasse sich die Rückzugsspirale vermeiden.

Andrea ist mittlerweile fast ein Jahr nicht zur Schule gegangen. Zum zweiten Halbjahr möchte sie es noch einmal mit der zehnten Klasse versuchen. In ihrer neuen Schule war sie schon, um das zu üben, wovor sie am meisten Angst hat: in der Pause allein herumstehen. "Ich dachte immer, dann würden die anderen dumme Bemerkungen über mich machen", sagt Andrea. Aber es ist gar nichts passiert. Beim nächsten Mal werde sie sich sogar ins Klassenzimmer trauen. "Ich fühle mich bereit."

* Name von der Redaktion geändert