Natürlich wird nicht jeder Schüchterne gleich zum Fall für eine Klinik. Dann wären diese auch überfüllt: In Umfragen behaupten nur 7 von 100 Befragten, sie würden dieses ärgerliche Gefühl sinnloser Beklommenheit überhaupt nicht kennen. Die Schüchternheit ist lediglich eine Art Risikofaktor: "Wenn dann noch Erfahrungen von Ablehnung, Mobbing oder traumatisierende Ereignisse wie die Trennung der Eltern hinzukommen, kann das die Angstsymptome verstärken", erklärt Lena Krebs, Andreas Therapeutin. Im ungünstigsten Fall beginnt eine Rückzugsspirale: Die Betroffenen nehmen an, sie würden abgelehnt, ziehen sich zurück und werden dann tatsächlich abgelehnt. "Es ist wie eine selbsterfüllende Prophezeihung", sagt Lena Krebs. Fünf bis zehn Prozent aller Kinder und Jugendlichen, sagt Krebs, erkranken im Laufe ihres Lebens daran.

Andrea hat mit dem Schuleschwänzen begonnen, als ihre einzige Freundin in der fünften Klasse auf eine andere Schule wechselte. Plötzlich war sie allein und fühlte sich ausgegrenzt. "Aber vielleicht habe ich mir das auch nur eingebildet", sagt sie heute. Man könnte sagen, die Angst sei nur ein Wahrnehmungsproblem – doch wie soll man sich selbst davon befreien?

Einige Schulen reagieren auf das Problem. Das Marie-Curie-Gymnasium, an dem Dorothee Verfürth unterrichtet, praktiziert den "No Blame Approach": Niemand wird hier ohne Vorankündigung aufgerufen, Schüchterne müssen nicht alleine vor der Klasse sprechen. Stattdessen können sie an Theatergruppen, dem Selbstsicherheitstraining oder Rhetorikkursen teilnehmen. Neben Beratungslehrern, Streitschlichtern und Schulpsychologen haben die Schüler Paten in den höheren Klassen. "Leider hängt es immer von der Initiative des Schulleiters ab, ob Schulen so ein dichtes Netzwerk an Hilfsangeboten aufbauen", sagt Verfürth. Dabei sei das für das Erkennen von Angstproblemen unabdingbar. "Bei einer Klassenstärke von 32 Schülern können die Klassenlehrer nicht allein dafür verantwortlich sein, die frühen Hinweise von Schulangst zu bemerken." Typische Warnsignale seien zum Beispiel: Wenn die mündlichen Noten deutlich schlechter ausfallen als die aus den Klausuren; wenn ein Schüler rot wird, sobald er etwas sagen soll, und alles vergisst. Je früher man gegenlenke, desto besser lasse sich die Rückzugsspirale vermeiden.

Andrea ist mittlerweile fast ein Jahr nicht zur Schule gegangen. Zum zweiten Halbjahr möchte sie es noch einmal mit der zehnten Klasse versuchen. In ihrer neuen Schule war sie schon, um das zu üben, wovor sie am meisten Angst hat: in der Pause allein herumstehen. "Ich dachte immer, dann würden die anderen dumme Bemerkungen über mich machen", sagt Andrea. Aber es ist gar nichts passiert. Beim nächsten Mal werde sie sich sogar ins Klassenzimmer trauen. "Ich fühle mich bereit."

* Name von der Redaktion geändert