Lange bevor der Name Niklas Luhmann auch nur annähernd mit dem Ruf des Philosophen Jürgen Habermas mithalten konnte, gab es bereits eine klassische Debatte zwischen den beiden Soziologen, die seither als paradigmatische Gegenspieler bei dem Versuch, Gesellschaft zu beschreiben, betrachtet werden. Der Suhrkamp-Band von 1971, der diese Kontroverse darstellt, trägt den Titel: Theorie der Gesellschaft oder Sozialtechnologie – Was leistet die Systemtheorie?

Dass in diesem Titel der hässliche Begriff "Sozialtechnologie" ausgerechnet Luhmann zugeschoben wird, als handle es sich bei der Systemtheorie um ein Interventionsprogramm für mehr Umverteilung, muss man als terminologische Ironie verbuchen, lautete der Vorwurf an Luhmann doch eher, im Zweifel für weniger Umverteilung zu sein. Haben das Spiel der freien Marktkräfte und die Autonomie der Funktionssysteme nicht eine ungute Nähe? Steckt in der Systemtheorie nicht eine Art Deregulierungs- Philosophie ? War Luhmann ein Neoliberaler avant la lettre?

Der Hauptvorwurf aber, den Habermas seinerzeit gegen Luhmann ins Feld führte, hat nichts von seiner Plausibilität verloren: Ist die Systemtheorie in Bezug auf ihren Gegenstand unkritisch, verhält sie sich affirmativ zur Gesellschaft? Wo Habermas normativ bis utopisch argumentiert, die Gegenwart in ein kritisches Licht rückt, um das Projekt der Moderne in einer avisierten Zukunft zu vollenden, sagt Luhmann mit jenem inneren Entzücken, das ein Automobil-Liebhaber empfindet, wenn er sein Ohr an die Motorhaube eines Zwölfzylinders schmiegt: Unglaublich, wie wunderbar störungsfrei die Gesellschaft doch vor sich hin schnurrt!

Hat die Systemtheorie also ein konservatives Theoriedesign? Ja, insofern sie sich vom Funktionieren faszinieren lässt. Es gibt bei all seinem abgründig-kalten Realismus so etwas wie eine Luhmannsche Feier des Gelingens: Das sprichwörtliche Staunen des Philosophen gilt bei ihm der Unwahrscheinlichkeit, dass es überhaupt zu gelingender Kommunikation kommt. Das ist der Kern seiner Theorie.

Gesellschaft besteht für ihn aus Kommunikationen. Je mehr Komplexität ein System zu verarbeiten hat, desto mehr Selektionen muss es vornehmen und desto unwahrscheinlicher wird es, dass diese Selektionen in Anschluss-Kommunikation akzeptiert werden. Also bilden die sozialen Systeme Verfahren heraus, symbolisch generalisierte Medien, wie Luhmann sie im Anschluss an Talcott Parsons nennt, die die Annahme einer Kommunikation wahrscheinlicher machen: Für Intimbeziehungen ist es die Liebe – mit der entsprechenden nachgeschalteten Semantik, die dafür sorgt, dass man den unwahrscheinlichen Satz "Ich liebe dich" leichter über die Lippen bringt und der andere weiß, dass er jetzt mit "Ich dich auch" antworten kann. Für das Wirtschaftssystem ist es das Geld, für die Wissenschaft die Wahrheit.

Indem die verschiedenen sozialen Systeme ihren eigenen Code ausbilden, werden sie leistungsstärker (und das meint bei Luhmann immer: Sie können mit mehr Komplexität in ihrer Umwelt umgehen), weil sie sich spezifizieren: In den Kommunikationen der Wissenschaft geht es um Wahrheit, nicht um Schönheit. In der Wirtschaft geht es um Zahlungsakte, nicht um Gerechtigkeit. Diese Effizienz der funktionalen Differenzierung ist für Luhmann der große Sprung nach vorne, den die Gesellschaft seit der Neuzeit gemacht hat. Seither können sich die einzelnen Teilsysteme auf ihr Funktionsproblem konzentrieren und von allem anderen absehen: Von der Politik erwartet man bindende Entscheidungen, nicht die Sorge ums Seelenheil, dafür ist die Religion zuständig.

Als Folge der funktionalen Differenzierung zerfällt der Mensch in verschiedene Rollen: Als Familienvater agiert er anders denn als Wähler, in seinem Beruf als Kaufmann folgt er einem anderen Code als in seiner Rolle als Liebhaber. Habermas hat in dieser Entwicklung einen Akt der "Kolonialisierung der Lebenswelt" durch die Systeme und ihre Steuerungsmedien Macht und Geld gesehen und mit einer Art Entfremdungs-Unbehagen reagiert. Für Luhmann liegt darin das Leistungspotenzial der Moderne – und die Sorge um den ganzen Menschen hielt er wohl für eine alteuropäische Sentimentalität.

Neigt die Systemtheorie nun also dazu, den Status quo zu legitimieren? Zwei neue Bücher aus dem unerschöpflichen Nachlass Niklas Luhmanns mögen bei der Beantwortung dieser Frage hilfreich sein, weil sie sich unmittelbar mit den Fragen der Macht und der Politik befassen. 2010 erschien Politische Soziologie, in diesem Frühjahr Macht im System. Beides sind Manuskripte, die in den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts entstanden sind, und beide zeigen einen Luhmann, der erst noch dabei war, seine Theorie-Architektur aufzubauen.