Der Glanz des Südens verblasst. Zunehmend wird das klassische Lob dieser Himmelsrichtung – seit Jahrhunderten Teil der deutschen Mytho-Geografie – durch eine politische Definition konterkariert, die in den europäischen Südländern, wie sie jetzt gern genannt werden, nur noch Krisenregionen sieht, in denen Misswirtschaft, Faulenzerei und Korruption an der Tagesordnung seien. Die "archaische vorkapitalistische Sozialstruktur" des europäischen Südens, war jüngst im Wirtschaftsteil einer bekannten Frankfurter Zeitung zu lesen, bedrohe die Zukunft der Nordländer und deren stabile Währung. Allenthalben wird der Ruf nach einer "Brandschutzmauer" laut, die den Norden vor dem Süden schützen möge. Lauerte bis zum Fall der Mauer das Böse im Osten, so droht es jetzt aus dem Süden. Und verstanden sich die Deutschen bis 1989 als Angehörige des freien Westens, so verorten sie sich heute auf dem Kreuz der mentalen Windrose zunehmend im starken Norden. Der Süden mag als touristisches Ziel noch attraktiv sein, im geistigen Koordinatensystem, als Himmelsrichtung eines freieren, schöneren, besseren Lebens, für die er lange Zeit stand, hat er an Strahlkraft verloren. Die "Méditerranée" ist nicht mehr Wiege und Hort der Zivilisation, im Strandparadies Spanien schmoren neuerdings "die maroden Banken unter der Sonne des Südens" (Focus), und unter Winckelmanns "griechischem Himmel" leben heute die Pleite-Griechen – wie sie ein deutsches Boulevardblatt kontinuierlich tituliert.

Auch andere europäische Länder, nicht zuletzt südliche, suchen sich politisch "einzunorden". So erinnerte der neue italienische Ministerpräsident Mario Monti in seiner Silvesteransprache 2011 daran, dass Italien unter seinem Vorgänger Berlusconi beinahe auf eine Wirtschaftskatastrophe nach griechischem Muster zugesteuert wäre, und er formulierte das mit den Worten: "Wir waren schon auf dem Weg nach Südosten, aber dann haben wir die Bremse gezogen." Das mochte man in Italien gern hören, einem Land, in dem der Süden, der Mezzogiorno, ohnehin seit der Einheit des Landes 1861 und verstärkt mit dem Auftreten jener Lega, die den Norden sogar im Parteinamen führt, negativ konnotiert ist. Aber auch ganz oben im geografischen Norden Europas, im Baltikum, kann diese Himmelsrichtung plötzlich politisch leuchten: "Wir sind eben ein nordisches Volk, wir sind weniger emotional, eher vernünftig." So kürzlich die frühere lettische Außenministerin Sandra Kalniete beim Versuch, zu erklären, warum ihr Land die Wirtschaftskrise besser gemeistert habe als Griechenland.

Was in diesen Tagen und Wochen wiederkehrt, ist die Rede von den Mentalitäten. "Mentalitätsbedingte Disparitäten" in der wirtschaftlichen Entwicklung Europas beklagt Thilo Sarrazin in seinem Buch Europa braucht den Euro nicht. Von den Italienern heißt es dort, "dass vorausplanendes Nachdenken und rationale Argumentation nicht die wesentlichen Triebfedern dieser Gesellschaft" seien, und in einem Interview in der ZEIT meinte er: "Je nebliger ein Land ist und je kälter und nasser die Winter, umso größer ist die finanzpolitische Vorsorge" (ZEIT Nr. 22/12). Da mag Ironie mitschwingen, aber der Diskurs, auf den er sich bezieht, hat eine lange Tradition. Es war Montesquieu, der in seinem universalen Werk Vom Geist der Gesetze (1748) die Überzeugung formulierte, dass der kalte Norden andere charakterliche Eigenschaften und soziale Verhaltensweisen generiere als der heiße Süden: ein Versuch, Unterschiede zwischen den Völkern aus Bedingungen ihrer jeweiligen Umwelt zu erklären. Während die Hitze die Energie der Menschen schwäche, zwinge sie der Norden zu Tätigkeit und planender Vorsorge. Entscheidend dabei ist allerdings der Grundgedanke Montesquieus: "Wenn es wahr ist, dass der geistige Charakter und die Leidenschaften des Herzens in verschiedenen Klimazonen äußerst unterschiedlich sind, dann müssen die Gesetze sowohl zu der Verschiedenheit dieser Leidenschaften wie zu der Verschiedenheit dieses Charakters in Beziehung stehen." Mit anderen Worten: Übergreifende legislative und administrative Systeme (und dazu dürfen wir heute auch den Versuch einer gemeinsamen nordsüdlichen Wirtschaftsordnung zählen) können nur funktionieren, wenn sie ebenjene nationalen Mentalitäten respektieren, statt sie aus einer dominanten, in der Regel "nördlichen" Sichtweise abzulehnen.

Mit Montesquieu werden Norden und Süden zu Polen einer frühen Kulturanthropologie, welche die Debatte um die Ungleichheit unter den Völkern über anderthalb Jahrhunderte bestimmt. Herder differenziert in seiner Geschichte der Philosophie der Menschheit (1785) Montesquieus Begriff des Klimas, schließt darin "die Höhe oder Tiefe eines Erdstrichs, die Beschaffenheit desselben und seiner Produkte, die Speisen und Getränke, die der Mensch genießt, die Lebensweise, der er folgt, die Arbeit, die er verrichtet, Kleidung, gewohnte Stellungen sogar, Vergnügungen und Künste nebst einem Heer anderer Umstände" ein. 1824 veröffentlicht der Schweizer Politiker und Schriftsteller Karl Victor von Bonstetten in Genf seine Schrift L’homme du Midi et l’homme du Nord, 1829 folgt in Berlin, angeregt durch Alexander von Humboldt, Friedrich de la Motte Fouquéts Traktat Der Mensch des Südens und der Mensch des Nordens. Eine populäre Ethnografie war entstanden, die als anthropologische Leitidee im Grunde erst durch die rassenideologischen Konzepte des späten 19. Jahrhunderts in den Hintergrund gedrängt wurde.

"Nordmensch" und "Südmensch" erscheinen in dieser Ethnografie als gegensätzliche Mentalitäten, wobei die Sympathie der Autoren durchaus auf beiden Seiten sein kann. Sind nicht beide, der genussfrohe, zukunftsvergessene "Südmensch" und der grübelnde, planende, organisierende "Nordmensch" nur zwei jeweils unvollkommene Hälften des denkbar vollkommenen einen? Man kann mit Recht über die Spezifika dieser Zuschreibungen lächeln, sie als Klischees oder Konstruktionen begreifen. Ihre Wahrheit erweist sich wie die Wahrheit jeder ethnografischen Theorie darin, wie hilfreich sie sein können, um Fremdes mit anderen Augen zu sehen, es verstehen zu lernen.