Die Faulenzerin

Mein Ziel im Urlaub ist es, mich über einen Zeitraum von zwei bis drei Wochen mimikryartig dem Dasein einer Pizza anzunähern. In einem Lokal, in dem die Bestecke nicht zusammenpassen und der Wirt in der Nase popelt, was egal ist, weil sowieso niemand vorbeikommt. An 340 Tagen des Jahres ist mir nach Abenteuer, bin ich vielfältig interessiert, aktiv, empathisch und meine das auch vollkommen ernst. Aber die verbleibenden Tage lang will ich Teig sein.

Um diesen Zustand zu erreichen, gilt es zunächst, möglichst viel Zeit flach liegend zu verbringen, was ich vor allem nachts bis vormittags sowie nachmittags am Strand erledige. Kaffee in der Horizontalen goutiere ich sehr, lasse ihn mir allerdings nur von Menschen servieren, die mich lieben, damit ich mir nicht vorher die Haare kämmen muss. Ich will keinen Stress. Hotels scheiden dadurch für meine Urlaube aus. Es müssen Ferienhäuser sein. Abgeschieden. Am liebsten an der französischen Atlantikküste.

Als Pizza wäre ich im Urlaub so was wie die Nummer 4 ohne Belag. Ich schwimme nicht (zu kalt, zu anstrengend), ich lese nicht (zu unbequem im Liegen, zu anstrengend), ich unterhalte mich nicht (zu viel Gesichtsmuskelkontraktion, zu anstrengend), ich spiele weder Beach- noch Fuß-, noch Sonst-was-Ball (zu anstrengend, ganz grundsätzlich). Und unterdessen werde ich langsam von allen Seiten braun. Nummer 4 halt.

Wahrscheinlich ist es über weite Strecken unendlich langweilig, mit mir zu verreisen. Aber wer Geduld hat und mich im Urlaub ein paar Tage Pizza sein lässt, bekommt zum Nachtisch, wenn ich mich erholt habe, manchmal auch Tiramisu.

Karin Ceballos Betancur

Der Getriebene

Der Getriebene

Natürlich habe ich auch schon Urlaub an einem einzigen Ort gemacht. Ich fuhr sogar mehrere Jahre hintereinander an die See. Aber entweder hat es geregnet, oder ich kam zum Strand, und es war Ebbe. Oder beides. Ich habe verregnete Ebben erlebt, die wünscht man seinem schlimmsten Nachbarn nicht. Seither bleibe ich selten länger als zwei Nächte am selben Platz, immer getrieben von der Sorge oder Hoffnung, dass nur wenige Stunden entfernt der Regen vielleicht erst mittags einsetzt oder die Idylle gar noch idyllischer ist.

Gereist wird mit dem Motorrad, dem idealen Gefährt aller Rastlosen. Das Fahrrad – zu langsam. Das Auto – nicht wendig genug. Denn das ungeschriebene Gesetz des Reisens sieht für jede Küstenstraße oder jeden Bergpass mindestens ein überbreites Wohnmobil vor – gelenkt von einem Seniorenpaar, das seinen Lebensabend keineswegs durch eine Geschwindigkeit von über 30 Stundenkilometern zu gefährden gewillt ist. An diesen ziehe ich mit dem Motorrad mühelos vorüber. Weiter, weiter, Straßen runter, Pässe rauf. Mitunter so rasant, dass ich manchmal stoppe und eine Zeit lang innehalte – so wie es die Indianer auf langen Ritten taten, damit die Seele nachkommen konnte. Statt meiner Seele schließt aber zumeist nur das Wohnmobil mit den Senioren zu mir auf. Da fahre ich schnell weiter.

Abends setze ich mich dann vor meine Straßenkarte und zeichne die zurückgelegte Strecke ein. Es gab schon Touren, an deren Ende die Karte weniger nach Reise als nach wirrem Diagramm aussah, mit dem ich die Newtonschen Gesetze beweisen wollte. Danach wohlig-erschöpft ins Bett, und wenn ich morgens verwirrt aufwache und nicht sagen kann, ob ich in Bad Moritz oder St. Tölz bin, dann weiß ich: Es ist Urlaub.

Markus Wolff

Die Kulturreisende

Die Kulturreisende

Seit ich einmal aus Blödheit fast im Atlantik ertrunken wäre, weiß ich, dass ich als Abenteurer ungeeignet bin. Schon immer sehne ich mich hinaus ins Freie, und lange dachte ich, ich könnte wenigstens im Urlaub wie Vasco da Gama sein. Wilder, größer, verwegener, als ich es bin. Leider hat mir die See gezeigt: Wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um. Büromenschen sollten lieber Museen besuchen und Baedeker lesen.

Meine Lektion lernte ich am Ende der Alten Welt, wo Portugal jäh ins Meer stürzt. Wir waren zu zweit und kannten den Strand, aber beim Rumalbern im Wasser trieben wir unmerklich ab, und plötzlich lag zwischen uns und dem Land eine Barriere aus Felszacken. Unmöglich, sie gegen die Strömung zu umrunden. Plötzlich war die See eisig und hart. Ein Rettungsschwimmer stand ratlos am Ufer. Erst Angst, dann Panik. Dazu die brechenden Wellen. Mühsam retteten wir uns durch eine Lücke in den Felsen.

Seitdem suche ich im Urlaub immer noch das Drama, dieses Gefühl, dass unser Leben nichtbanal, sondern Teil von etwas Grandiosem ist. Aber ich muss es nicht selbst erleben. Ich lese jetzt Romane über Vasco da Gama. Ich liebe die Ruinen der Seefahrerschule am Cabo de São Vicente und die Kapellen am Wegesrand. Nein, ich bin kein klassischer Bildungsreisender und würde nie eine Museumstour buchen. Ich will Natur mit Kultur. Seit ich fast den Touristentod gestorben wäre, gehe ich nur noch ins flache Wasser. Dafür schleppe ich kiloweise Bücher mit an den Strand, um mich vom Anblick des Atlantiks abzulenken, der immer noch verlockend ist.

Evelyn Finger

Der Feldherr

Der Feldherr

Es ist 6.12 Uhr, als die erste Kinderhand aufs Zelt patscht, von außen. Eine von insgesamt zwölf. Kondenswasser tropft vom Außenzelt aufs Innenzelt und von dort auf mein Gesicht. Ich könnte mich jetzt auf die Seite drehen, ein trockenes Plätzchen für meinen Kopf suchen. Nur ein halbes Stündchen noch. Aber ich bin im Urlaub. Und im Urlaub bin ich Feldherr.

Ich will erobern, mir Tag und Gegend zu eigen machen, dem Leben Improvisation abtrotzen. Diesmal kämpfen sich meine Frau und ich mit Fahrrädern, sechs Kindern, drei Zelten und Erschöpfung durchs Isar-Dickicht.

Ich brauche eine Grundsperrigkeit des Alltags: einen Tisch für alle acht im Wald, warmes Essen mit nur einer Benzinkocherflamme für sechs Sonderwunschquerköpfe, ein bisschen in den Bach fallen, nachts irgendwo campen. Für Gipfelgefühle muss es nicht immer bergauf gehen.

Wenn sich das Leben vor mir ausrollt, werde ich misstrauisch: Schirmchencocktails am Pool sehen eben nicht nur hübsch aus, vor allem machen sie ganz fieses Kopfweh. Mich lähmt das Gefühl, wenn sich der Tag plötzlich wie eine Kochshow anfühlt: "Das habe ich schon mal vorbereitet." Das, was mich anstrengt, ist ja nicht die Arbeit an sich, sondern ihre ewige Wiederholung.

Im Feldherrenurlaub ist alles Neuland. Vor dem Schlafengehen standen wir noch lange am Weidezaun. Tiere anschauen. Der Feldherr und sein Heer, bereit für neue Eroberungszüge. "Warum mampfen die so?", fragte der Vierjährige. Wir sprachen über Wiederkäuen und verschiedene Kuhmägen, als plötzlich ein Kalb auf ein anderes sprang, es quer über die Wiese schob. Neue Fragen tauchten auf. Der Feldherr wollte gehen. Wir winkten den Tieren am Zaun, da erklärte die Elfjährige: "Wenn die intelligent wären, könnten sie so rauskommen. Alle bis auf eins."

6.13 Uhr, der Feldherr liegt immer noch. Eine zweite Hand patscht gegen das Außenzelt, dann eine dritte. Hüpfen die Kinder in ihren Daunenschlafsäcken durch die taunasse Wiese? Und habe ich eigentlich die Taschenmesser weggeräumt? "Ich glaube, das ist ungesund", höre ich irgendein Kind zu einem anderen sagen. Der Feldherr fährt hoch. Es gibt Tage, selbst im Urlaub, da muss nicht mal ich zum Erobern. Da gilt: Lage ist Auftrag genug.

Georg Cadeggianini

Die Heimattreue

Die Heimattreue

Ich wachse gern auf süddeutschen Kleinstadtplätzen fest, am Tisch des örtlichen Bräugasthofs oder im Marktcafé. Das Pflaster sollte uneben sein, ein Brunnenrohr plätschern, die Kirchturmuhr schlagen. Am Nebentisch sollte ein eintreffender Stammgast "Habe d’Ehre", sagen und die Bedienung: "Wie immer, Herr Demmelhuber?" Es müssen einige getreppte oder geschweifte Giebelfassaden herumstehen, und vielleicht ließe sich gegenüber sogar noch ein Exemplar der Gattung Fensterlehner erspähen, das, die Ellenbogen auf ein Sofakissen gestützt, ruhevoll das minimale Platzgeschehen beäugt. So habe ich es gern, die Stimmung ein wenig spitzwegisch und verschlafen oder wenigstens wie auf dem Geschenkkalender vom Lebensmittelhändler 1963.

Ich fürchte, ich bin als Ferienmensch ein ewiger Im Frühtau zu Berge-Kinderausflügler, meinetwegen spießig, dem Heimischen und Naheliegenden verfallen, ein Dableiber. Ich kann tage- und wochenlang auf Provinztouren verbringen, durch, sagen wir, die Haßberge, Hohenlohe, den Oberpfälzer Wald, es darf auch Österreich oder Böhmen sein, Hauptsache, Mitteleuropa, gemäßigte Zonen, grün und feucht und nicht heiß und vertrocknet. Ich kenne südliche Strände durchaus oder den Grand Canyon, aber oft habe ich vor diesen Fototapeten bloß Heimweh bekommen.

Das Auto ist mir lieber als das Fahrrad für meine heimatlichen Eskapaden, weil man da auch ohne Ohrstöpsel Musik hören kann, Die schöne Müllerin oder Car Wheels on a Gravel Road, und viele Weinkisten transportieren. Und die kernigen Rentner-Wandertrupps, auf die man unterwegs trifft, oder die papageienbunten Fernradler sind mir nun wirklich zu spießig. Ich liebe es, patinierte Landschlösschen zu entdecken oder etwas muffelige Fachwerk-Rote-Ochsen mit Metzgerei – und dann sitze ich wieder auf so einem Marktplatz, der mich an meine fränkische Kindheit erinnert, mit diesem schwebenden Mischgefühl von Fremdheit und doch Vertrautheit, so fern und so nah, wie einem Kindheit eben ist.

Renate Just

Der Entdecker

Der Entdecker

Ich bin derjenige, der während der Wanderreise im Westen Chinas bei 30 Grad eine Chuba trägt, einen knöchellangen, wollenen, tibetischen Mantel mit Schaffellsaum und Seidenschärpe. In meinem leinenbezogenen Holzklappstuhl sitze ich in der knallenden Sonne ganz nah bei den Kamelen, die unser Gepäck transportieren. Meine Mitreisenden tragen Kleider aus Mikrofasern, die jeden Tropfen Schweiß in Sekundenbruchteilen vom Körper wegkatapultieren. Zur Mittagsrast haben sie sich einen schattigen Platz gesucht. Ab und zu schaut einer von dort herüber. Wäre ich empfindsamer, käme mir der Verdacht, die hielten mich für bekloppt.

Aber ich bin jetzt Sven Hedin . Der reiste Ende des 19. Jahrhunderts durch Zentralasien, er entdeckte den Transhimalaya und durchquerte die Wüste Taklamakan, und erst später fiel auf, dass er auch ein Nazifreund war. Ich las als Junge über Sven Hedin. Und über Max von Oppenheim, Jean Louis Burckhardt, Roald Amundsen. Seitdem will ich in meinen Ferien auch Entdecker sein, als erster Europäer Bergketten und verschollene Städte und unbekannte Völker sehen.

Weil es ja aber keine großen weißen Flecken auf der Erde mehr gibt, gehe ich ins Kleine. Schaue den Kamelnomaden zu, wie sie mit ihren Tieren umgehen. Wie sie ihnen zur Mittagsrast das Gepäck abnehmen, ihnen Fesseln anlegen, an streitlustige Hengste Tritte verteilen. Das mag nicht nach spektakulären Verrichtungen aussehen. Aber so, wie die Männer das machen, haben es schon ihre Väter gemacht und die tausend und mehr Generationen davor. Und gerade das finde ich aufregend, mir ist das ein Anker, der tief in der Geschichte hängt, und an der Ankerkette lasse ich meine Gedanken fort von der Gruppe und zurück in die Zeit driften. Für einen Moment bin ich nun wirklich der erste Mann aus dem Westen in dieser Region, bei diesen Menschen, und meine Mitreisenden und ihre Mikrofasern sind weit weg. Kann natürlich sein, dass dieser Größenwahn auch vom Hitzestau unter der Wollkutte kommt.

Bjørn Erik Sass

Der Einsiedler

Der Einsiedler

Das Schlimmste sind die Sehenswürdigkeiten. Das heißt: nicht sie selber. Einige sind ja ganz schön. Bloß muss man sich immer erst zu ihnen durchkämpfen, vorbei an Myriaden von Einweisern, Kassierern, Wachleuten, Andenkenverkäufern, Bettlern und freischaffenden Guides. Nicht zu vergessen die furchtbarste Plage: die anderen Touristen. In Hundertschaften drängen sie sich in der Sagrada Familia oder den Tempeln von Angkor Wat. Filmen, essen Eis, krakeelen. Sie haben ja recht. Andacht kommt in diesem Gedränge ohnehin nicht auf.

Manche nennen so etwas Urlaub. Für mich beginnt er danach. Genau dann, wenn ich nach dem Besichtigungsmininalprogramm zurück im Hotel bin. Das Nicht-stören-Schild raushänge, die Tür zuziehe und in den Pyjama schlüpfe. In meinem Refugium verschanze ich mich, manchmal tagelang. Mit einem Stapel Bücher und Essen vom Zimmerservice. Reisen macht mich zum Eremiten.

Das ist nicht so absurd, wie es klingt. Was ist denn das Erholsame am Wegfahren? Doch wohl, dann auch weg zu sein. Unerreichbar, befreit von allem, was einen im Alltag bedrängt. Das geht nirgends so bequem wie in einem Hotel. Es muss kein besonderes sein. Im Gegenteil, ich mag es gerne groß und unpersönlich. Wo man nur eine Nummer ist, fällt es leichter, sich gehen zu lassen. Hochhäuser sind ideal. Da kommt zur Anonymität die gute Aussicht.

Nichts schöner, als abends mit einer Tasse Tee auf dem Balkon zu sitzen und zu sehen, wie all die Dinge, die einem entgehen, allmählich im Dunkel verschwinden. Auch die haben Urlaub verdient.

Michael Allmaier