Der Tag, an dem das Wort "Verbrechen" zum ersten Mal eine Bedeutung in ihrem Leben bekommt, beginnt sonnig und früh. Als Andrea Simmer ( Name geändert ) um kurz vor acht aus dem Haus tritt, sieht sie fünf Männer in Zivil mit Pistolen am Gürtel. Es sind Polizisten. Sie kommen direkt auf sie zu. "Können Sie den Weg frei machen? Ich muss zur Arbeit", fragt sie. "Nö", antwortet einer der Beamten. Und fragt: "Sind Sie Andrea Simmer?" – "Ja, warum?" Er zieht ein Papier aus der Tasche, ein Landeswappen ist drauf zu sehen, es ist ein Durchsuchungsbeschluss . Es geht um einen Angriff auf eine Webseite.

Ihr Kopf rauscht, auf einmal ist sie ganz wach. Denkt an ihre Kinder, ihre Arbeit, ihr Zuhause. Was will man von ihr? Irritiert schaut sie die Polizisten an. Sie folgen ihr ins Haus, Simmer weckt erst den 18-jährigen Sohn, dann die 19-jährige Tochter. "Nicht erschrecken, die Kriminalpolizei wird das Haus durchsuchen", sagt sie. Die beiden Kleinkinder sind schon aus dem Haus. Die Beamten bahnen sich währenddessen den Weg ins Wohnzimmer, Spielzeugautos und Dreiräder blockieren den Flur.

"Es geht um eine Internet-Attacke durch Anonymous im Dezember 2011", sagt einer der Polizisten. "Anonymous?", wiederholt Simmer, "dann geht es um mich, Sie brauchen nicht das ganze Haus zu durchsuchen." Sie rennt in ihr Zimmer und holt ihre beiden Laptops, um sie den Männern zu übergeben. In Panik reißt sie den Aufkleber mit dem Anonymous-Logo von einem der Computer ab.

Vor wenigen Wochen ist Simmer eine von 106 Verdächtigen, deren Räume in 14 Bundesländern durchsucht werden . Es ist ein Schlag gegen eine Gruppe, die keine ist: Anonymous ist eine Protestbewegung im Netz , jeder kann sich ihr anschließen und dabei mitmachen, eine Webseite lahmzulegen oder vertrauliche Informationen zu veröffentlichen. Es ist die erste große Razzia dieser Art in Deutschland, sie soll die Internet-Aktivisten abschrecken.

"Wir wollten deutlich machen, dass dieses Verhalten strafbar ist", sagt der Sprecher der leitenden Oberstaatsanwaltschaft Frankfurt. Die Razzia ist die Antwort der Behörden auf einen neuen, virtuellen Protest. Der Kulturkampf, der seit Längerem im und über das Internet herrscht, verschärft sich auf einen Schlag.

In den letzten Jahren haben Anonymous-Aktivisten immer wieder mit spektakulären Aktionen auf sich aufmerksam gemacht; raids nennen sie das, Überfälle. Im Dezember 2010 legten sie die Webseite von Mastercard lahm, weil die Firma das Spendenkonto von WikiLeaks blockierte . Anfang 2011 griffen sie die Webseite der damaligen ägyptischen Regierung an, um die Proteste zu unterstützen. In Deutschland haben sie die Namen von NPD-Mitgliedern veröffentlicht und sind Teil der Occupy-Bewegung in Frankfurt. Seitdem kennen sogar Banker ihr Markenzeichen, die grinsende Maske des englischen Attentäters Guy Fawkes aus dem 17. Jahrhundert. Anonymous heißt so, weil jeder anonym mitmachen kann.