Die Schauspieler waren auch da, das ganze Ensemble. Einer hatte Tränen in den Augen vor Empörung, und er brachte den Satz nur mit erstickter Stimme heraus: "Warum schneidet man dem besten Pferd im Stall die Beine ab?"

Theater ist ja immer dann am besten, wenn es eigentlich keines ist. Darum gab es rundum betretene Gesichter, auch bei den Medienleuten; man musste fürchten, dass hier gleich jemand die Contenance verlieren würde. Die Explosion wäre in der ganzen Stadt zu hören gewesen.

Es war der Vormittag des 29. April 2010: Präsentation des Spielplans für die nächste Saison, und niemand hatte damit gerechnet, dass es zum Eklat käme im Marmorhimmel des Stadttheaters Bern. Zum Aufstand gegen den Direktor.

In der Hauptrolle: Erich Sidler, aufgewachsen in Luzern, Regisseur an mehreren deutschen Theatern, jetzt Leiter des Schauspiels in Bern. Er warf seinem Chef Intransparenz und Despotie vor, erklärte das Verhältnis mit ihm für "zerrüttet" und seine Zeit in Bern für beendet – eine Kündigung vor versammelter Presse? Wegen der Sache mit dem Pferd und den abgeschnittenen Beinen? Direktor Marc Adam hatte Sidlers Mittel um 100.000 Franken gekürzt. Dabei hatte das Schauspiel das Budget erfüllt und Zuschauer gewonnen. Geschont dagegen wurde die teure Oper, obwohl sie abstürzte und das ganze Haus in die roten Zahlen riss. Opernleiter war: Adam selbst.

Bis heute, bis zu Sidlers erstaunlichem, endgültigem Abschied, sollte es dann noch mehr als zwei Jahre dauern. Trotzdem nahm damals, 2010, die seltsame Geschichte von einem Schauspielchef ihren Ausgang, der am Ende an seinem Erfolg, nicht an einem Misserfolg scheitern würde.

Auf die angedrohte Kündigung hatte er zunächst verzichtet. Weil der Verwaltungsrat nach dem Eklat in der Wahl des Direktors rückblickend einen Fehler erkannte. Weil er Adams Kompetenzen beschnitt. Weil er dem Schauspielleiter den Rücken stärkte. "Ja, ich suche den Konflikt", sagt Sidler heute, "ich kann den Stier bei den Hörnern packen. Obwohl das vielleicht nicht zu den Gepflogenheiten in diesem Land passt."

Es passt vielleicht auch nicht zu ihm, wenn man ihn so vor sich hat: ein trotz seiner Überlänge unauffälliger, unaufdringlicher Mensch. Wenn er dann allerdings redet, so wie über den überwältigenden Hamlet zum Beispiel, den er vergangenen Herbst inszenierte, wobei er damals Schluss machte mit der Figur des ewigen Zauderers und stattdessen den jungen Andri Schenardi als rasendes schwarzes Loch auf die Bühne schickte, als Meteor, der in Shakes-peares Königshof knallt, sodass das ganze übrige Personal purzelt und brennt – in solchen Momenten wird einem dieser Sidler greifbar als der, von dem er selbst erzählt. "Ich musste kämpfen, aber es hat sich gelohnt", sagt er, und er meint damit seine ganze Zeit in Bern. Der Anfang sei ein "Albtraum" gewesen.

"Beerdigung" – so nannte der Blick im September 2007 die Eröffnung der Vidmarhallen, der neuen Bühne des Schauspiels im Industriegebiet des Vororts Köniz. Die frühere Kassenschrankfabrik hatte den Charme einer Zivilschutzanlage, stand mitten im Brachland, und anfangs gab es dort nicht einmal eine Bushaltestelle. "Ihr schafft es nie – das war die Stimmung in der Stadt", sagt der Schauspielleiter.

Fünf Jahre später sieht alles anders aus. Sidler hat die Vidmarhallen zu einem neuen Fixpunkt im Berner Kulturleben gemacht. Er hat ein entschlossenes Ensemble geformt. Er hat vielversprechende junge Regisseure und einige der gefragtesten Gegenwartsdramatiker nach Bern gebracht. Und er hat dem Stadttheater umgekehrt über Bern hinaus zu Rang und Echo verholfen. Fehlt etwas, Erich Sidler? "Ja, unser massiv ausgebautes Angebot für die Jugend."

Bei 28.000 Zuschauern pro Jahr fing Erich Sidler an, heute sind es 45.000

Heute, sagt Sidler, sei Theater "noch der letzte Ort, an dem die unterschiedlichsten Menschen zusammensitzen und über dieselben Fragen nachdenken". Darum seien Kontinuität, Identifikation, Glaubwürdigkeit so wichtig. "Das Publikum muss merken, dass man es ernst nimmt." Das hieß für Bern: keine platten Provokationen, keine nackten Ärsche, keine Kartoffelsalat-Schlachten. Sidler wollte die neuen Autoren und die neuen Stücke, nicht die neuesten Moden.

Das Publikum ist ihm gefolgt. Es ist jünger und größer geworden: Bei 28.000 Zuschauern pro Jahr fing Sidler an, heute sind es 45.000. Er hat dem Schauspiel endlich den Mief ausgetrieben, der sich hier länger als an anderen Stadttheatern gehalten hatte. Und wenn nicht alles täuscht, dann ist in seiner Zeit tatsächlich eine solide Neugier gewachsen – obwohl bei Weitem nicht jeder Abend ein begeisterndes Abenteuer war.

Hier fangen allerdings die Probleme an, die man – gerade als Journalist – mit Sidler bekommen konnte: bei der Frage, welches genau die Abenteuer waren und welches die Abstürze.