Jeden Morgen um halb acht bilden sich in der Straße Agiou Konstantinou Nr.16, im Zentrum Athens, lange Schlangen. Die Menschen stehen vor heruntergelassenen Rollläden – und warten. "Ich hoffe, sie haben das Medikament heute", sagt Giasemi Zeppu. Die 42-Jährige wirkt angespannt. Seit Stunden ist sie wach, um rechtzeitig da zu sein, wenn eine der wenigen Apotheken der Stadt öffnet, in der Patienten ihre Medizin nicht selbst bezahlen müssen. Auf zwei großen Zetteln, die an der Fensterscheibe hängen, sind alle Arzneimittel aufgelistet, die schon jetzt nicht mehr erhältlich sind.

Das griechische Gesundheitssystem ist krank. Öffentliche Krankenhäuser haben Schulden in Milliardenhöhe. Oft müssen Patienten monatelang auf einen Termin warten, mancherorts werden nur noch lebenswichtige Operationen durchgeführt. Dass Kranke in Betten auf dem Flur liegen, wenn alle Zimmer voll sind, gilt schon als Normalzustand.

Aber auch die staatlichen Krankenkassen können ihre Rechnungen nicht mehr begleichen. Sie schulden den Apothekern mehrere Hundert Millionen Euro für Medikamente. Daher weigern sich seit einigen Wochen die griechischen Apotheker, die Kosten weiter vorzustrecken. Patienten müssen ihre Medikamente nun bar bezahlen. Bei besonders teuren Arzneimitteln, zum Beispiel zur Behandlung von Diabetes oder Krebs, können Kranke einen Antrag stellen, um ein Rezept zu erhalten, das sie dann bei staatlichen Apotheken einlösen können. Ob sie die Medikamente dann dort auch bekommen, ist eine andere Frage. Weil das Geld der Krankenkassen fehlt, haben sich viele Apotheker bei Pharmalieferanten verschuldet. Daher kommt es immer wieder zu Engpässen. Oft müssen Patienten von einer Apotheke zur nächsten fahren, bis sie endlich fündig werden.

"Vor einem Jahr war das alles noch kein Problem", sagt Giasemi Zeppu. "Heute muss ich mir extra einen Tag frei nehmen." Sie arbeitet als Malerin in einer Schiffswerft und fürchtet, dass sie ihren Job verliert, wenn sie zu häufig fehlt. Frau Zeppu steht für ihren Sohn in der Schlange. Er hat eine Organtransplantation hinter sich, die Medikamente kosten mehr als 1.000 Euro monatlich.

Gesund oder satt – manche Rentner müssen sich entscheiden

Als sich die Türen der Apotheke öffnen, drängt sich Zeppu hinein. Sie ist eine der Ersten, zieht die letzte einstellige Nummer aus dem kleinen Automaten, der die Reihenfolge der Wartenden bestimmt. Wenige Minuten später sind die ersten vierzig Tickets weg, die fünf Sitzreihen vor dem Schalter sind voll. Alle, die hier warten, teilen eine Sorge: dass die Medikamente, die sie brauchen, schon weg sind, bevor ihre eigene Nummer angezeigt wird. Giasemi Zeppu hat Glück. Sie bekommt die Mittel für ihren Sohn. Erleichtert und mit einer blauen Plastiktüte in der Hand, verlässt sie die Apotheke. Das Bangen ist vorbei – zumindest bis zum nächsten Monat.

Die Hilfsorganisation "Ärzte der Welt" hatte schon vergangenen November vor einer humanitären Krise in Griechenland gewarnt. Sie rief dazu auf, alte Medikamente nicht wegzuwerfen, sondern zu spenden; freiwillige Helfer versorgen täglich Hunderte Menschen mit Medizin. Jeder vierte Grieche lebt unter der Armutsgrenze – Giovani Vogizatzoglou ist einer von ihnen. "Essen oder Medikamente: Jetzt, wo die Apotheken keine Rezepte mehr annehmen, muss ich mich entscheiden", sagt der 79-Jährige. Giovani Vogizatzoglou hat schwere Herzprobleme, braucht täglich ein Dutzend verschiedener Medikamente und bekommt 700 Euro Rente im Monat. Einen wirklichen Ausweg aus seiner Lage sieht er nicht. Er will mit dem Vermieter verhandeln, vielleicht kann er den Preis für seine Einzimmerwohnung noch etwas drücken. Und er versucht, möglichst gesund zu bleiben; jeden Tag macht er eine Stunde Sport. "In Griechenland ist es das Beste, wenn man selbst auf sich aufpasst", sagt er.