DIE ZEIT: Herr Teyssen, haben Sie sich mit der Energiewende schon angefreundet?

Johannes Teyssen: Energiewende ist ein schillernder Begriff. Manche sagen, es sei lediglich der Ausstieg aus der Kernenergie . Andere meinen, es gehe ausschließlich um erneuerbare Energie .

ZEIT: Was meinen Sie?

Teyssen: Dass es darum geht, hierzulande eine CO₂-arme Energieversorgung genauso sicher und zu annähernd gleichen Kosten zu realisieren wie in den Ländern, die einen eher fossilen Weg gehen.

ZEIT: Und deswegen wird der Atomausstieg irgendwann revidiert?

Teyssen: Diese Illusion habe ich nicht.

ZEIT: Mit Ihrer Klage gegen die Laufzeitbegrenzung erwecken Sie jedenfalls den Eindruck, als wenn Ihnen die Energiewende nicht passt.

Teyssen: Das wäre eine Fehlinterpretation. Wenn der Staat jemandem im Gemeinwohlinteresse etwas wegnimmt, ist er entschädigungspflichtig. Das ist seit der bürgerlichen Revolution von 1848 unstrittig. Nur darum geht es uns bei dieser Klage. Wir haben die Laufzeitbegrenzung akzeptiert. Aber wenn aus gesamtgesellschaftlichem Interesse besondere Lasten zum Nachteil eines Unternehmens und seiner Eigentümer entstehen, muss die Gesellschaft diese Lasten tragen. So wie wir würde sich jeder Bürger verhalten, wenn ihm der Staat Eigentum wegnähme.

ZEIT: Die Energiewende ist jetzt ein Jahr alt, es gab vor Kurzem einen Ministerwechsel, der von der Kanzlerin mit den Worten begründet wurde, ein personeller Neuanfang sei hilfreich. Sehen Sie das auch so?

Teyssen: Ministerwechsel kommentiere ich nicht. In Wirtschaft und Politik gehören Personalwechsel zum normalen Geschäft.

ZEIT: Sie merken gar nicht, dass es einen neuen Umweltminister gibt?

Teyssen:Peter Altmaier ist erst seit ein paar Wochen im Amt. Und auf Wasser laufen wird er auch nicht können. Es gibt seit einiger Zeit einen öffentlichen Diskurs darüber, was die Energiewende kostet , ob die Geschwindigkeiten zwischen Netzausbau und dem Ausbau erneuerbarer Energieanlagen harmonisiert sind, ob die Abstimmung mit unseren europäischen Partnern ausreichend ist und, und, und. Diese Diskussionen werden auch nach dem Ministerwechsel fortgeführt – nach meiner Beobachtung mit gewachsener Aufmerksamkeit.

ZEIT:Angela Merkel hat die Energiewende zur Chefsache gemacht. Hat die Chefin schon mit Ihnen darüber gesprochen?

Teyssen: Ich habe nicht den Eindruck, dass ab jetzt alle Entscheidungen zur Energiewende im Kanzleramt gefällt werden. Die Bundeskanzlerin hat durch ihre Präsenz gezeigt, dass wir eine ehrliche Bestandsaufnahme machen müssen. Dazu gehört natürlich auch, dass die beiden Minister Rösler und Altmaier jetzt tatsächlich ihre gemeinsame Verantwortung wahrnehmen.

ZEIT: Das Umwelt- und das Wirtschaftsressort bekämpfen sich gerne, oder?

Teyssen: Jedenfalls gibt es durchaus unterschiedliche Auffassungen in den Häusern, unabhängig von der Parteizugehörigkeit der Minister. Ich vermute, das hat viel mit den Menschen zu tun, die hinter den Ministern sitzen. Deshalb kommt es nicht nur darauf an, dass die Minister an einem Strang ziehen, sondern auch ihre jeweiligen Mannschaften.

ZEIT: Wäre ein Energieministerium sinnvoll?

Teyssen: Da habe ich Zweifel. Es gilt, Sachfragen zu lösen, nicht Organisationsfragen.

ZEIT: Wie berechtigt ist die Furcht vor Blackouts?

Teyssen: Das Risiko von spürbarem Verlust von Versorgungsqualität halte ich für hoch. Aber an klassische Blackouts, wie wir sie aus dem Fernsehen kennen oder wie wir sie in New York mal erlebt haben, glaube ich nicht. Da unterschätzen Sie deutsche Ingenieure. Sie beobachten das Stromnetz ständig, fast minütlich. Wenn es instabil zu werden droht, intervenieren sie sofort. Dann werden notfalls Industriekunden oder einzelne Stadtteile vom Netz abgeklemmt, aber zu einem ungeordneten Zusammenbruch wird es hoffentlich nicht kommen.